Neue Weltanschauung.
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befruchtet sein. Darum müssen moralische Begriffe, wenn sie
wirksam werden sollen, erst durch moralische Empfindungen
sinnliche Triebkraft erhalten. Und darum handle es sich
praktisch weniger um Ausbildung abstrakter Tugendbegriffe, als
um die Entwicklung ethischer Antriebe: diese allein trügen den
Tugendbegriff in das Reich der Wirklichkeit.
Damit war von der Empfindung das Handeln, und mit
dem Handeln die Tugend abhängig gemacht worden. Es ist
ein Zusammenhang, der auf dem Gebiete der Üsthetik als der
Lehre von den schönen Empfindungen bald von größter Be—
deutung werden mußte. Denn nun erschienen Kunst und Moral
eng verschwistert, und es gab eine ästhetische Erziehung des
Menschengeschlechts. Und darum war es jetzt die Aufgabe jeder
Kunst, auch auf das Handeln zu wirken, und zwar nicht bloß
durch ihre eigensten Mittel, sondern womöglich sogar durch
Versinnlichen, durch Empfindungsmäßigmachen von Begriffen.
Es ist die Grundanschauung, der später die philosophische
Dichtung entspringen konnte; alsbald wirksam aber wurde sie in
einer ganz anderen Stellungnahme der Ästhetik und damit der
Kunst in der Reihe der menschlichen Betätigungen. Nicht bloß
ebenbürtig, nein übergeordnet stellte sich jetzt das künstlerische
Empfinden neben Denken und Wollen: das Leben des Künstlers
erschien als die höchste und herrlichste aller menschlichen Daseins—
formen, und die künstlerische Durchbildung der Nation galt als
wichtigste Aufgabe der Zukunft.
Zugleich aber war damit die deutsche Ästhetik, fern jedem
platten Naturalismus, wie er sich zunächst aus der trüben
Gärung der Empfindsamkeit, namentlich des Sturmes und
Dranges entwickelt hatte, von ihrer Wurzel in dem Seelen⸗
leben der ersten Jahrzehnte des neuen Subjektivismus in
höchste Höhen freier Betätigung hinübergeleitet; niedriger
Weltanschauung und allen Versuchen, nur aus technischen
Gesichtspunkten begriffen zu werden, entzogen, erhob sie sich
allein aus der Betrachtung der menschlichen Seele, faßte nur
die Wandlungen ins Auge, welche die sinnlichen Eindrücke in
der empfindungsvollen Tätigkeit des Subjekts erleiden, und