fullscreen: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Weltanschauung. 
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befruchtet sein. Darum müssen moralische Begriffe, wenn sie 
wirksam werden sollen, erst durch moralische Empfindungen 
sinnliche Triebkraft erhalten. Und darum handle es sich 
praktisch weniger um Ausbildung abstrakter Tugendbegriffe, als 
um die Entwicklung ethischer Antriebe: diese allein trügen den 
Tugendbegriff in das Reich der Wirklichkeit. 
Damit war von der Empfindung das Handeln, und mit 
dem Handeln die Tugend abhängig gemacht worden. Es ist 
ein Zusammenhang, der auf dem Gebiete der Üsthetik als der 
Lehre von den schönen Empfindungen bald von größter Be— 
deutung werden mußte. Denn nun erschienen Kunst und Moral 
eng verschwistert, und es gab eine ästhetische Erziehung des 
Menschengeschlechts. Und darum war es jetzt die Aufgabe jeder 
Kunst, auch auf das Handeln zu wirken, und zwar nicht bloß 
durch ihre eigensten Mittel, sondern womöglich sogar durch 
Versinnlichen, durch Empfindungsmäßigmachen von Begriffen. 
Es ist die Grundanschauung, der später die philosophische 
Dichtung entspringen konnte; alsbald wirksam aber wurde sie in 
einer ganz anderen Stellungnahme der Ästhetik und damit der 
Kunst in der Reihe der menschlichen Betätigungen. Nicht bloß 
ebenbürtig, nein übergeordnet stellte sich jetzt das künstlerische 
Empfinden neben Denken und Wollen: das Leben des Künstlers 
erschien als die höchste und herrlichste aller menschlichen Daseins— 
formen, und die künstlerische Durchbildung der Nation galt als 
wichtigste Aufgabe der Zukunft. 
Zugleich aber war damit die deutsche Ästhetik, fern jedem 
platten Naturalismus, wie er sich zunächst aus der trüben 
Gärung der Empfindsamkeit, namentlich des Sturmes und 
Dranges entwickelt hatte, von ihrer Wurzel in dem Seelen⸗ 
leben der ersten Jahrzehnte des neuen Subjektivismus in 
höchste Höhen freier Betätigung hinübergeleitet; niedriger 
Weltanschauung und allen Versuchen, nur aus technischen 
Gesichtspunkten begriffen zu werden, entzogen, erhob sie sich 
allein aus der Betrachtung der menschlichen Seele, faßte nur 
die Wandlungen ins Auge, welche die sinnlichen Eindrücke in 
der empfindungsvollen Tätigkeit des Subjekts erleiden, und
	        
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