326 Die Entstehung der exakten Wissenschaft, — Die Mathematik.
faltet, zu trennen. Erst das zweite Moment entscheidet endgültig
iber die eigentliche sachliche Bedeutung des Prinzips, während
die explizite Aussprache und Formulierung noch vielfach an be-
stimmte geschichtliche Bedingungen gebunden und durch sie
aingeengt bleibt. Dies gilt vor allem für Kepler, für den das Un-
endliche noch den antiken Sinn des drxeıpov besitzt: es ist das Un-
begrenzte und Gestaltlose, das sich der Möglichkeit des Maasses
und dem Reiz der geometrischen Harmonie entzieht. „Quae
‘gitur finita circumscripta et figurata sunt, illa etiam mente
:;omprehendi possunt: infinita et indeterminata, quatenus
talia, nullis scientiae, quae definitionibus comparatur,
aullis demonstrationum repagulis coartari possunt“.16®)
indem sich indes die Betrachtung — in einer Wendung, die wir
im Einzelnen verfolgen konnten — von der geometrischen Kon-
stanz zum Problem der Veränderung hinkehrt, wandelt sich
damit allmählich auch der Wert und die Leistung des Unend-
lichen. In der „Astronomia nova“, die zuerst den Keplerschen
Kraftbegriff zur Darstellung bringt, wird nach einem Maasse der
Wirkung gefragt, die die Sonne und ihre magnetische Anziehung
auf einen gegebenen Planeten innerhalb eines bestimmten Zeitab-
schnitts seines Umlaufs ausübt. Da diese Wirkung von dem Ab-
stand des Planeten abhängig und somit von Punkt zu Punkt ver-
änderlich ist, so muss, um ihre Intensität festzustellen, ein Mittel
gefunden werden, die unendlich vielen, verschiedenen Antriebe,
die für die einzelnen Momente gelten, zu einem einheitlichen In-
begriff, zu einer Gesamtgrösse zusammenzufügen. Der Begriff des
bestimmten Integrals gelangt hier zu klarer Heräushebung: wie
für die betreffende Funktion, um die es sich handelt, die Inte-
zration mathematisch durchgeführt wird, so ist auch der allge-
meine logische Gesichtspunkt eines unendlichen „Aggregats“, das
die Allheit der veränderlichen Grössenwerte umschliesst und in
sich fasst, deutlich bezeichnet.!%) In der „Stereometria doliorum“
vom Jahre 1615 sehen wir sodann, wie dieser Gesichtspunkt von der
Zeit auf den Raum übertragen ist. Die festen geometrischen Ge-
bilde selbst sind jetzt in. Gesamtheiten von Punkten aufge-
löst. Um etwa den Inhalt des Kreises zu berechnen, müssen wir
seine Peripherie aus unendlich vielen Punkten zusammen-
sefügt denken, von denen jeder die Basis eines gleichschenk-