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Schlußwort.
Schaft, wie alle anderen, in eine große Zahl verschiedener Zweige
geteilt. Was man früher Physik oder Chemie nannte, ist nur noch
ein elastischer Kähmen, der eine Menge von Spezialwissenschaften
umfaßt (Elektrizität, Optik, Thermodynamik, biologische Chemie usw.),
und von denen jede genügt, die Arbeit eines ganzen Menschenlebens
auszufüllen. So ist auch heute das Wort Nationalökonomie ein un
bestimmter, wenn auch bequemer Ausdruck geworden, den man ge
braucht, um Forschungen zu bezeichnen, die oft sehr weit vonein
ander entfernt verlaufen. Die Preistheorie und die der Güterver
teilung sind zu neuen Entwicklungen fortgeschritten, die sie fast zu
besonderen Zweigen der Wissenschaft machen; — die soziale Ökonomie
hat sich ihr eigenes Reich errichtet und lebt ihr eigenes Leben; —
die Bevölkerungstheorie hat sich zu einer besonderen Wissenschaft:
der Demographie erweitert; — die Steuertheorie hat den Namen
Finanzwissenschaft angenommen; — die Statistik hat ihre besonderen
Methoden und steht mit allen anderen Zweigen in enger Berührung; —
die Beschreibung des Mechanismus des Handels nnd der Industrie,
der Banken und Börsen, die Aufzählung der Formen der Industrie,
das Studium ihrer Umwandlungen, sind für die Volkswirtschaft das,
was die beschreibende Zoologie und Botanik und die Morphologie für
die Naturwissenschaft bedeuten. Obgleich nicht immer besondere
Namen jede einzelne dieser Disziplinen bezeichnen, sind sie doch in
Wirklichkeit ebenso viele Spezialwissenschaften, deren Beziehungen
und tief liegende Einheit nicht immer leicht zu entdecken sind.
Auf einem Gebiete jedoch bleiben nicht nur die Unterschiede,
sondern auch die Kämpfe bestehen, und werden auch aller Wahr
scheinlichkeit nach niemals auf hören: auf dem Gebiet der wirt
schaftlichen und sozialen Politik.
Während sich zwischen den Nationalökonomen allmählich eine
gemeinsame wissenschaftliche Grundlage herausbildet, sind die Mei
nungsverschiedenheiten über die in der wirtschaftlichen Politik zu
verfolgenden Zwecke und anzuwendenden Mittel heute nicht weniger
lebhaft, als früher. Alle die großen, in diesem Buche dargestellten
Lehrmeinungen haben auch heute noch ihre Vertreter. Liberale,
Sozialisten, Intexwentionisten, Staatssozialisten und christliche Sozia
listen fahren fort, sich ihre Ideale und ihre praktischen Methoden
entgegen zu halten. Wird sie nun die Wissenschaft zusammen
führen? Sicherlich nicht, denn die Gründe, auf die sie sich stützen,
stammen zu einem guten Teil aus anderen Quellen als der Wissen
schaft. Religiöser Glaube und Moralanschauungen, politische und
soziale Überzeugungen, individuelle Gefühle und Neigungen, bis zu
persönlichen Interessen nnd Erfahrungen spielen hier ihre Rolle und
tragen dazu bei, den Standpunkt eines jeden zu bestimmen. In der