Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

bis in die neuere Zeit hin der Pächter keinen längeren Vertrag hatte, 
sondern alljährlich durch Kündigung verdrängt werden konnte, wurde 
nur ganz ausnahmsweise, und nur auf Grund dringender Ursachen von 
dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht, und die Pächterfamilien blieben 
Generationen hindurch auf derselben Farm. Auch auf den preussi- 
schen Domänen war dieses namentlich in den früheren Zeiten sehr all- 
yemein der Fall. In der neueren Zeit ist leider gerade unter dem 
Druck der parlamentarischen Kontrolle dem alten Pächter nicht immer 
in gewünschter Weise der Vorzug gegeben, sondern die Entscheidung 
nach dem Höchstgebote getroffen. Hierdurch sind in beiden Staaten 
sehr günstige landwirtschaftliche Ergebnisse trotz Latifundienbesitzes 
erzielt. 
In England sind die grossen Territorien der Lords in wohl- 
arrondierten Farmen verpachtet, die vorzüglich bewirtschaftet werden 
und auch in den Händen von Besitzern kaum bessere Verwendung 
finden könnten. In Preussen sind die verpachteten Staatsdomänen 
als Musterwirtschaften bekannt. In beiden Fällen zeigt es sich, dass 
der Umstand der Bewirtschaftung zu gute kommt, dass der Pächter 
sein Vermögen vollständig als Betriebskapital in der Hand behält und 
deshalb freier und intensiver wirtschaften kann. Ausserdem sind die 
selbstthätigen Landwirte in Zeiten der Krisen in der Lage, sich durch 
Herabdrückung der Pacht die Lage zu erleichtern und den Druck auf 
die Schultern abzuwälzen, welche ihn leichter tragen können. Daher 
hat England die viel schwerere Krisis, die durch den Rückgang der 
Preise des Getreides in den achtziger Jahren über das Land herein- 
brach, viel leichter ertragen als Deutschland. 
Freilich bleibt dabei der Umstand bestehen, welcher mit dem 
Latifundienbesitz untrennbar verbunden ist, der sogenannte Absen- 
tismus, indem der Besitzer nicht imstande ist, selbst auf seinen 
Gütern überall zu wohnen, damit in nähere Beziehung zur Arbeiter- 
bevölkerung zu treten, sondern dieses Mittelspersonen überlassen muss. 
Dieses wird gerade in der neueren Zeit der Arbeiterbewegung von be- 
sonderem Nachteil sein. Auch hier aber vermag Verpachtung in 
grösseren Gütern auf lange Zeit die Schädlichkeit zu mildern. Am 
schlimmsten hatten sich die Verhältnisse hierin in Irland entwickelt, 
wo Generalpächter oder Verwalter das Land der grossen Lords, die 
in England wohnten, übernahmen, die Verpachtung in Parzellen 
durchführten und den Pächtern mit der grössten Härte und Rück- 
sichtslosigkeit entgegentraten. 
Da von den Bauern nicht die Bildung, daher auch nicht die Zu- Verpachtung 
verlässigkeit erwartet werden kann, wie von dem grösseren Landwirte,von bäuerlichen 
ist es für kleinere Grundstücke weit schwerer, passende Persönlich- Grundstücken. 
keiten als Pächter zu finden... Die Devastierung des Gutes ist bei ihnen 
weit mehr zu befürchten, und die Kontrolle bei kleineren Gütern schwie- 
riger und kostspieliger. Dahersind die Klagen in Südfrankreich, Ir- 
l\and und Italien über die kleinen Pächter sehr allgemein; auch da, wo 
die Schwierigkeiten nicht durch die Halbpacht und die damit verbun- 
denen Naturallieferungen noch erhöht sind. Eine Ausbreitung des 
Pachtsystems wird aus den oben angegebenen Gründen gerade bei dem 
däuerlichen Besitze am schädlichsten wirken, weil hier die Anhänglich- 
Soanrad. Grundrisse d. nolit. Oekanamie. II. Teil. 2. Aufl. 
Vorteile der 
Verpachtung,
	        
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