50
immer ein gewisses Uebergewicht, welches ihnen theils die g--schichtliche
Entwickelung des österreichischen Staatswesens verliehen
hat, das sie zum andern Theile ihrer überlegenen Kultur,
sowie der unvergleichlich höheren Bedeutung ihrer Sprache verdanken.
„Das Deutsche ist", mit Andree zu sprechen, „d e
Sprache des Kaiserhauses, der Zentralregierung für die im
Reichsrathe vertretenen Länder, des stehenden Heeres, der Kriegsmarine,
die vorzüglichste Vermittlerin des Verkehrs und Handels,
die von den Gebildeten fast aller Nationalitäten verstandenen
Sprache." Man darf ferner nicht außer Acht lassen, daß die
gegenwärtig im Vergleich mit früheren Zeiten gedrückt erscheinende
Lage des Deutschthums zum größten Theile durch e .e
unbegreifliche Regierungspolitik künstlich hervorgerufen wurde.
Diese Regierungspolitik erscheint um so unbegreiflicher, als sie —
auch von gewichtigen Gründen der äußeren Politik ganz abg«-sehen
— nothwendiger Weise, wie auch das blödeste Auge einsehen
muß, zum Zerfall des Reiches führt, denn welche der
vielen Landessprachen wäre geeignet die deutsche Sprache zu
ersetzen und als Bindemittel zu dienen zwischen allen den verschiedenen
Nationen und Natiönchen des Kaiserstaats'? Wie ist
ferner ein einheitliches und schlagfertiges Heer denkbar, wenn
die Vorgesetzten nicht im Stande sind, sich unter einander und
mit ihren Untergebenen geläufig und schnell zu verständigen?
Es wäre wahrlich an der höchsten Zeit für die österreichische
Regierung, den betretenen abschüssigen Pfad zu verlassen.
In ganz anderer Weise, als die Deutschen im eigentlichen
Oesterreich, besitzen die llngarn in den Ländern der Stefanskrone
das Uebergewicht. Erfreulicher Weise verfolgen sie eine
durchaus nationale Politik und führen mit zielbewußter Energie
die Herrschaft. Dringend zu wünschen, ja zu verlangen wäre