Full text: Die Deutschen im Auslande

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und zwar während ihrer höchsten Blüthezeit, waren die Ostsee- 
Provinzen auch politisch mit Deutschland verbunden, indem sie 
den Hochmeister des deutschen Ordens zu Maricnburg als ihren 
Oberherrn anerkannten. Nichts als die beklagenswerthe deutsche 
Uneinigkeit, welche bekanntlich nach der Reformation und durch 
dieselbe ihren höchsten Grad erreichte, ist Schuld daran, daß 
nicht noch jetzt das ganze baltische Küstenland von Memel bis 
nach St. Petersburg in deutschem Besitze ist. Die baltischen 
Deutschen theilen sich in zwei große Zweige oder vielmehr 
Stände, in den grundbesitzenden Adel und in die in den Städ 
ten ansässige Bürgerschaft. Sowohl in den Städten als auch 
auf dem platten Lande sind sie die besitzende, die herrschende 
Klasse, welcher die anderen Völkerschaften, die Esthen, Letten, 
Liven. Russen und Juden untergeordnet sind, obwohl sie 
selbst nur ungefähr 16 Prozent der Gesammtbevölkerung aus 
machen. Im Ganzen wohnen gegen 120.000 Deutsche in den 
drei Provinzen, von denen etwas über 14,000 Adelige, die 
übrigen Kaufleute, Ehrenbürger und Bürger sind. Das stolze 
Stammesbewußtsein der baltischen Deutschen, ihr mannhaftes 
Eintreten für heimische Sitte und Sprache allen barbarischen 
ÄiussificirungSversuchen gegenüber muß um so rühmender aner 
kannt werden, als ihr Kampf gegen eine wahrhaft erdrückende 
Uebermacht geführt wird und beinahe aussichtslos erscheint; nur 
das unvermuthete Dazwischentreten von Ereignissen, welche auf 
die ganze politische Stellung Rußlands umgestaltend einwirkten, 
könnte einen günstigen Ausgang des muthvollen Ringens unse 
rer baltischen Stammesgenossen erhoffen lassen. Leider scheint 
eines der festesten Bollwerke des Deutschthums in den Oftsee 
provinzen, die Universität Dorpat, dem russischen Andrängen 
bald nicht länger widerstehen zu können.
	        
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