57
und zwar während ihrer höchsten Blüthezeit, waren die Ostsee-
Provinzen auch politisch mit Deutschland verbunden, indem sie
den Hochmeister des deutschen Ordens zu Maricnburg als ihren
Oberherrn anerkannten. Nichts als die beklagenswerthe deutsche
Uneinigkeit, welche bekanntlich nach der Reformation und durch
dieselbe ihren höchsten Grad erreichte, ist Schuld daran, daß
nicht noch jetzt das ganze baltische Küstenland von Memel bis
nach St. Petersburg in deutschem Besitze ist. Die baltischen
Deutschen theilen sich in zwei große Zweige oder vielmehr
Stände, in den grundbesitzenden Adel und in die in den Städ
ten ansässige Bürgerschaft. Sowohl in den Städten als auch
auf dem platten Lande sind sie die besitzende, die herrschende
Klasse, welcher die anderen Völkerschaften, die Esthen, Letten,
Liven. Russen und Juden untergeordnet sind, obwohl sie
selbst nur ungefähr 16 Prozent der Gesammtbevölkerung aus
machen. Im Ganzen wohnen gegen 120.000 Deutsche in den
drei Provinzen, von denen etwas über 14,000 Adelige, die
übrigen Kaufleute, Ehrenbürger und Bürger sind. Das stolze
Stammesbewußtsein der baltischen Deutschen, ihr mannhaftes
Eintreten für heimische Sitte und Sprache allen barbarischen
ÄiussificirungSversuchen gegenüber muß um so rühmender aner
kannt werden, als ihr Kampf gegen eine wahrhaft erdrückende
Uebermacht geführt wird und beinahe aussichtslos erscheint; nur
das unvermuthete Dazwischentreten von Ereignissen, welche auf
die ganze politische Stellung Rußlands umgestaltend einwirkten,
könnte einen günstigen Ausgang des muthvollen Ringens unse
rer baltischen Stammesgenossen erhoffen lassen. Leider scheint
eines der festesten Bollwerke des Deutschthums in den Oftsee
provinzen, die Universität Dorpat, dem russischen Andrängen
bald nicht länger widerstehen zu können.