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Ein Maximal-Arbeitstag in diesen Schranken kann unmöglich die
nationale Industrie schädigen. Höchst wahrscheinlich wird die geminderte
Arbeitszeit durch intensivere Arbeit wieder wett gemacht und die Arbeits
leistung wesentlich dieselbe bleiben. Dann können natürlich Arbeitgeber
wie Arbeiter auch im Einkommen nicht einbüßen. Aber auch an
genommen, die gesammte Arbeitsleistung würde etwas sinken,
was würde die Folge sein? Die Gesammt-Production und damit das
Angebot auf dem nationalen wie internationalen Waaren markte
würde geringer — die Preise würden sich heben. Die Waarenpreise
würden wieder den Unternehmungsgeist fördern — die Nachfrage nach
Arbeitskräften steigern, um die durch die Reduction der Arbeitszeit
verursachte Lücke in der Production auszufüllen. Damit würden sich auch
die Löhne heben — wenigstens würden zahlreiche Arbeiter, die heute
nur zeitweise und ungenügend Beschäftigung haben, neu eingestellt
werden können.
In der That, bei der allgemein herrschenden Ueberproduction
würde eine m äßige R eduction der Arbeitszeit und Arbeitsleistung nur
günstig auf den Absatzmarkt wirken, Arbeitgebern wie Arbeitern zu
gute kommen. Daß das nicht etwa eine „socialdemokratische" Theorie
ist, wie der „Centralverband deutscher Industrieller" wähnt, sondern auch
von den Arbeitgebern sehr wohl begriffen wird, beweisen die in
allen Jndnstricgrnppen sich regenden Bestrebungen, durch Cow
Normalarbeitstages von 10 Stunden reiner Arbeitszeit ausgesprochen und damit begründet
daß, da in vielen Jndustriekreisen die Arbeit der jungen Leute nicht entbehrt werden könne,
diesen aber nur eine zehnstündige Arbeitszeit zustehe, die von den ältern Arbeitern länger ge
arbeitete Zeit eine für diese wenig lohnende, für die Unternehmer aber eine zu kostspielige werde.
Daß die wirthschastliche Seite dieser Frage etwas für sich hat, ist nicht zu verkennen, jeden
falls würde bei Einführung eines Normal-Arbeitstages von 10 reinen Arbeitsstunden ein
Ueberschreiten der zulässigen Arbeitzeit junger Leute (14—10 Jahre) weniger ost vorkommen-
Besonders bemerklich bleibt, daß dieser Wunsch zumeist in Kreisen der Spinn er ei in dust v t Ç
laut geworden ist." Aus Würtemberg meldete der „Staatsanzeiger" daß einige der
bedeutendsten Industriellen, ohne erst eine Einigung aller Betheiligten abzuwarten, in aller
nächster Zeit 11 ständige Arbeitszeit einzuführen gedenken und zwar, wie das amtliche
Blatt hervorhebt, „in der Weise, daß der weitaus größte Theil des dadurch entstehenden
Mehraufwandes von den Unternehmern getragen wird, wobei dieselben mit vollem Rechts
darauf rechnen, daß die Arbeiter durch größere Jntensivität der Arbeit auch einen Theil des
Erhöhung der Productionskosten wenigstens mit der Zeit ausgleichen werden." Ein bezüg
licher Versuch des Fabrik-Jnspectors in Baden war ohne Erfolg, obwohl derselbe in seinem
Bericht (pro 1889) hervorhebt, wie sehr es zu bedauern sei, daß „auch solche Industrie
zweige, welche schon zwö lfstündige Arbeitszeit haben, besonders die TextU-
Jndustrie, bezüglich einiger Etablissements sich ander (mehr einreißenden) UeberarbcU
betheiligen." Eine Reduction der Arbeitszeit erachtet der Fabrik-Jnspector, ,, lölC
schon wiederholt eingehend dargethan wurde, in der Textil-Industrie für so sehr iM
Interesse der Gesundheit der Arbeiter gelegen, daß hierüber kein Wort mehr beizufügen ist-