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„Die Einwirkung der Beschäftigung und des Lebens in den Fabriken auf das weibliche
Arbeiter-Personal müssen als sehr bedenklich bezeichnet werden.
„Es bedarf nur eines Blickes auf die Arbeiterinnen in den Fabriken, welche nicht
burch völlig ländliche Umgebung oder besonders günstige Einrichtungen und eine besonders,
sorgfältig auswählende Direction ausgezeichnet sind, um zu erkennen, daß eine große Anzahl
derselben von den körperlich heruntergekommenen Arbeiterinnen in den englischen Fabrik-
Bezirken gesundheitlich kaum uoch unterscheidbar ist, und es ist ebenso in die Augen sprin
gend, daß diese Mädchen — je jünger sie in solche Fabriken treten, um so eher — sittlich
verkommen. Freche Augen, eingefallenene oder hohle Wangen, schlappe Kleidung und Hal
ing, schamlose Reden, namentlich außerhalb der Fabrik, das sind häufig die Eigenschaften
^ucs bald mehr, bald weniger erheblichen Bruchtheils dieser durch die Armuth, zuweilen
äuch durch die Habsucht oder Nichtsnutzigkeit der Eltern in die Fabrik gedrängten bemit-
I leidenswerthen Geschöpfe. Je länger die Arbeitszeit, je unsauberer, härter und gehetzter
Arbeit, je heißer und je mangelhafter der Arbeitsraum und seine Lüftung, je zahlreicher
^ angedrohten Ordnungsstrafen, je knapper die Löhne und Accorde, und je geringer die
Arsorge, die Zahl und Art der Wohlfahrtsmittel, — um so mehr treten die bezeichneten
Schäden hervor. Ihrem bösen Einfluß sind die männlichen Arbeiter, und namentlich die
ilingern, in der Fabrik ausgesetzt, und sie unterliegen ihm. sei es in der Fabrik, sei es
Außerhalb derselben; noch kürzlich wurden mir mehrere Fälle von Unzucht, innerhalb einer
größer» Fabrik getrieben, von deren Obermeister mitgetheilt. Selbst in ganz ländlich
gelegenen Fabriken, welche früher dadurch ausgezeichnet waren, daß sie die Mädchen nur
% zum 18. ober 19. Lebensjahre beschäftigten, um sie dadurch zum Dienstnehmen in
Ņrioathäusern und zur Erlernung der Haushaltungsknnst zu zwingen, haben wenige Jahre
I k>nes entgegengesetzten Verfahrens genügt, um den beschäftigten Mädchen ein völlig verändertes
Aussehen zu geben. Früher auffallend durch frische und gesunde Erscheinung, machen sie
heute den Eindruck, als ob sie nicht Kinder der Landschaft seien, sondern aus einem Fabrik-
Bezirke dorthin verpflanzt wären. Aus meinen gesammten, und besonders aus den in
letzter Zeit häufig vorgenommenen nächtlichen und abendlichen Beobachtungen in den Fabrik-
Bezirken glaube ich mit Recht folgern zu sollen, daß die sittliche Verwilderung
Unter männlichen wie weiblichen Arbeitern während der letzten acht Jahre nicht ab-,
sondern zugenommen hat und daß die körperliche Frische bedenklich geringer geworden ist."
Dr. Wolf macht für diese Zustände auch namentlich die überlange Arbeitszeit ver
antwortlich.
„Erfahrungsmäßig werden so beschäftigte Mädchen keine guten
Hausfrauen, und so beschäftigte Frauen können niemals ihren Mutterpflichten genügen,
deshalb auch manche wohlmeinende Arbeitgeber verheirathete Frauen nach der ersten Ent
bindung nicht mehr beschäftigen. Diese übele Wirkung muß sich aber um so mehr geltend
"lachen, je größer die Anzahl der Arbeiterinnen ist. Zm hiesigen Bezirke können Letztere
w't 20 000 bis 25 000 zu Veo der Bevölkerung angenommen werden; es darf deshalb
"icht Wunder nehmen, wenn ihr übel er Einfluß im ehelichen Leben und in der
Kindererziehung der Arbeiterfamilien zuweilen schroff zu Tage tritt, und sich auch
ì " andern L e b e n s k r e i s e n fühlbar macht. Vereinzelte Haushaltungsschulen
Hospize und Arbeiterinnen-Vereine genügen bei dem Umfange der Uebel nicht,
so weniger, als die Ausdehnung der Textil-Industrie, und damit die Vermehrung der
Arbeiterinnen ihren Höhenpunkt bei weitem noch nicht erreicht haben."
Daß cs in anderen Bezirken nicht besser stehl, dafür noch ein Beispiel. Für Baden
berichtet der Fabrikinspector (pro 1886) :
„In diesen Industriem (Cigarren-, Textil-. Bijouterie- rc. Fabriken) kommen die Mäd-
früh, theils schon im schulpflichtigen Alter, theils unmittelbar nach der Schulentlassung