Full text: Schutz dem Arbeiter!

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Einsicht, daß er als Arbeitgeber nur Eines für seinen Arbeiter thun könne, unbe 
schadet seiner weitern und Hähern Pflichten als Mensch, als Bürger und 
als Christ gegenüber der Gesellschaft. Dieses Eine. scheinbar so leicht und doch 
für den, der anders zudenken gewohnt ist, so schwer, zugleich für denAr- 
beiter d a S Aller wichtig st e, besteht darin, ihn rückhaltslos als gleich' 
berechtigte Macht anzuerkennen und das Verhältniß zwischen sich und ihm als ein 
rein wirthschaftliches aufzufassen, in dem beide Theile in gleicher Weise loyal handeln, 
wenn sie mit allen gesetzlichen Mitteln ihren eigenen Vortheil verfolgen. Ein Arbeitgeber, 
welcher auf diesem Standpunkte steht, wird die Verbindungen der Arbeiter anerkennen und 
ihre Lohnforderungen und Ausstände nicht anders behandeln, als er Preissteige 
rungen des Baumwollenlieferanten entgegentreten würde. Ebenso wie er mit diesem 
correspondirt, wird er mit dem Arbeitsverkäufer verhandeln, und höfliche Formen 
werden seinen Verkehr mit diesem wie mit jenem beherrschen. Anderseits aber griff nun 
auch unter den Gewerkvereinen die Einsicht Platz, daß es nicht Blutsaugerei 
und feindlicher Wille, sondern vielmehr wirthschaftliche Nothwendigkeit sei, 
welche die Arbeitgeber zu ihren Gegnern mache. Gewaltthätigkeiten und Gesetzes' 
überschreitungen — Zeichen dafür, daß der Arbeiter noch nicht reif ist fbr 
die Stellung wirthschaftlicher Gleichberechtigung — wurden seltener, wenn auch hin und 
wieder noch in ihnen der rcvolutionaire Geist der ersten Periode zum Ausbruch kam. Aber 
gerade diejenigen Gewerkvereine, welche früher die gewaltthätigsten waren, sind heute zu- 
sammengebrochen, so z. B. der Sheffielder. Die Führer der fortgeschrittenern Gewerkver- 
einc dagegen fingen an, statt Gewaltreden zu halten, Handelsstatistik zu treiben. 
Denn Kenntniß der Weltlage ihres Gewerbes erwies sich als ein weit besseres Mittel im 
wirthschaftlichen Kampfe, als jene Ausschreitungen, durch welche sie in den Augen der 
Unparteiischen sich nur in das Unrecht setzen konnten." 
Der Verfasser geht nun, nach dieser allgemeinen Schilderung der socialen Entwickelung 
in England, in ausführlichster und gründlichster Weise sich überall auf Thatsachen stützend, 
in die Spe eia l ge schichte der Arbeiterbewegungen der drei hauptsächlichsten und für die 
gesammte englische Arbeitswelt maßgebenden Industriem ein, nämlich der Textil-, 
Kohlen- und Eisen-Industrie, indem er die Entwickelungsgeschichte der socialen Be' 
wegungen und Kämpfe in jeder dieser drei großen Industriem, die Organisation der Arbeiter 
und Arbeitgeber-Verbände, die Aufgaben derselben, die Methodik ihrer Lösungen und schließlich 
die thatsächlichen Erfolge für Herstellung friedlicherer Zustände und für bessere Gestaltung 
der materiellen und socialen Lage des Arbeiterstandes und für Sicherung der Grundlagen 
der industriellen Thätigkeit schildert. Die friedlichen Vereinbarungen über Lohnhöhe und 
Arbeitgeber wird auch nicht entgehen, daß durchschnittlich in den Ländern des höchste" 
A rb c i t s l o h n e s die U n t e rn e h m unge n aller Art sich am besten, in Ländern des 
niedrigsten Arbeitslohnes am schlechtesten rent iren« („Sociale Aufgaben" S. 23) ; sowie 
day diejenigen Unternehmungen auch desselben Landes am besten prosperirm, welche die 
besten Löhne zahlen. Das E in ko nun en bedingt das physische und sittliche 
~ e be it — das Familienleben der Arbeiter — in s o entscheidender Weise, day 
der Lohn in der That die Tüchtigkeit der Arbeiter wie auch ihre Zufrieden' 
heit wesentlich beeinflußt, wie diese auch wieder auf die Gesammt-Leistung der Fabrik 
einwirkt. Ler Arbeiter wird intensiver, sorgfältiger arbeiten, es wird seltener ein Arbeits' 
Wechsel eintreten, so basì Jeder an seine Maschine, seine Mitarbeiter gewöhnt ist rc. şşo 
ist es eme allgemeine Erfahrung, wie Herr General-Director H i l t - A a ch e n 'N 
seiner Rede auf der 34. General-Versammlung der Katholiken Deutschlands in Trier 
(1887 ) ausführte : »n i ch t d e r j e n i g e F a b r i c a n t kommt a m w c i t e st e n , der 
die ani schlechtesten bezahlten Arbeiter beschäftigt, sondern gerade um' 
gekehrt.« ^as ist unser Standpunkt, wie wir ihn stets vertreten haben. (S. „Arbeiter' 
wohl" 1888 S. 89.)
	        
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