Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

„Die  Landwirtschaft  hat  den  Abschluß  der  Handeloverträge  als  einen  schweren
Schlag  empfunden,  namentlich  in  den  getrcidebauenden  Ostprovinzen,  während  die
Westprovinzcn  einen  ähnlichen  landwirthschaftlichen  Nachtheil  aus  der  kurz  zuvor
erfolgten  Aufhebung  der  Schweineeinfuhrverboteö  herleiten,  einer  Maßregel,  die
offenbar  im  Zusammenhang  mit  den  Handelsverträgen  betrachtet  werden  muß.  da
sie  den  internationalen  Waarenverkehr  viel  stärker  beeinflußt  hat,  als  die  meisten
Bestimmungen  der  Handelsverträge.  Der  Erfolg  der  Aushebung  dieses  Verbotes
war,  daß  die  in  den  letzten  Jahren  hierzulande  erfreulich  gesteigerte  Schweinezucht
sehr  zurückging,  dieselbe  lohnt  sich  nicht  mehr.  Die  sanitären  Garanticen  aber,
die  Amerika  zugesagt  bat  und  zu  bieten  behauptet,  reichen  nicht  aus.  Bei  einem
Export  von  15  Mill.  Schweinen  in  New-Uork  und  Chicago  im  Jabre  kommen
auf  einen  Tag  50  000  Stück.  Ein  fleißiger  und  gewissenhafter  Trichinenbeschauer
wird  es  im  Tage  auf  höchstens  20  Untersuchungen  bringen  können.  Danach  müßten
in  Amerika  resp.  in  New-Uark  und  Chicago  2500  Leute  nur  mit  Trichinenschau
beschäftigt  sein.  Sogar  aus  Amerika  selbst  ist  diese  Behauptung  nicht  aufgestellt
worden.  Die  Herabsetzung  der  Getreidezöllc  gegenüber  Oesterreich  lag  unseres
Erachtens  in  der  Situation;  es  war  das  Wesentlichste,  was  wir  Oesterreich,  natürlich
gegen  Gegenleiitung,  zu  bieten  hatten.  Deutschland  tritt  alljährlich  mit  !Oo  bis
400  Mill.  Mark  je  nach  der  Ernte  als  Käufer  auf  den  internationalen  Getreidemarkt,
  sein  Bedarf  ist  mit  ausschlaggebend  für  den  Roggenpreis  und  seine  Einfuhr
an  Weizen  schwankte  zwischen  228  000—755  000  Tonnen  im  Werth  von  durchschnittlich ­
  190  Mark  pro  Tonne.  Wenn  ein  solcher  Käufer,  um  seinen  Bedarf  zu
decken,  zwischen  vcrschied'uen  Lieferanten  zn  wählen  hat  —  und  in  Weizen  bat
Deutschland  zwischen  Rußland,  Oesterreich  und  Nordamerika  zu  wählen,  so  ist  eine
Bevorzugung  doch  für  jeden  der  Concurrente«  eine  so  werthvolle  Sache,  daß  jeder
derselben  sie  sich  wohl  etwas  kosten  lassen  kann;  auch  ohne  Bevorzugung  gegen
die  andern  bleibt  die  Ermäßigung  des  Getreidezolls  um  150  Mark  auf  den  Doppellader
  eine  sehr  ansehnliche  Erleichterung  für  die  ausländischen  Lieferanten,  welches
der  ZollfiskttS  mit  vielen  Millionen  als  Einnahmeausfall  zu  buchen,  der  Steuerfiskus
  als  Steuer  wieder  aufzubringen  bat  und  welches  die  Getreideproduktion  als
eine  gegen  ihr  Lebensintereffc  gemachte  Aufwendung  öffentlicher  Mittel  zn  empfinden
geneigt  ist.
„Eine  Maßregel  von  solcher  Tragweite  konnte  nur  um  großer  Zwecke  oder
werthvoller  Gegenleistungen  willen  von  einem  Staate  getroffen  werden.  Oesterreich ­
  hat  uns  auf  commerciellem  Gebiet  positive  Gegenleistungen
von  auch  nur  annähernd  gleichein  Werthe  nicht  gemacht,  speziell  für
die  Industrien  unseres  Bezirks  haben  die  Handelsverträge  trotz  scheinbarer  Zugeständnisse ­
  keinerlei  Vortheil,  wohl  aber  Nachtheile  gebracht.  In  den  Begründungen
hat  man  nnö  gesagt,  daß  der  Werth  und  die  Ziele  der  Verträge  darin  zu  finden
seien,  daß  dieselben  Bresche  in  daö  System  sich  stetig  und  bis  zur  Prohibition
steigender  Abschließungspolitik  der  Staaten  legen  und  aus  diesem  Wege  Halt  gebieten ­
  sollten.  Wir  fürchten,  daß  dieses  Ziel  so  nicht  erreicht  werden  wird;  die
Kraft  der  selbstlosen  Beispiele  ist  leider  derjenigen  der  einträglichen  nur  selten
gleich.  Das  erste  Vierteljahr  1892,  von  dem  nur  zwei  Monate  unter  das  Regiment
der  neuen  Zölle  fallen,  hat  bereits  eine  Rechnung  aufgemacht,  die  uns  in  der  That
mit  der  Besorgniß  erfüllt,  daß  die  Kosten  der  neuen  Handelspolitik  doch  erheblich
größer  sind  als  ihre  erkennbaren  Vortheile  für  die  Allgemeinheit  und  namentlich
auch  größer,  als  inair  sich  beim  Abschluß  vorgestellt  babe»  mag.  Die  Statistik
            
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