werden tonnte, obué daß sie auch nur zu Wort gelassen wurden. Tao Kapital
ist ein scheues Wild und der Unternehmungsgeist ist nicht minder mißtrauisch, und
wo solche Ueberraschungen möglich sind, ja sich so ununterbrochen auf einander
folgen, wie wir sie in den letzten Jahren erfahren haben, wo dao Bestehende und
Bewährte so leicht mit Unerprobtem und Unerwartetem vertauscht zu werden scheint,
wo jugendliche Vertreter rein academischer, durch keine Erfahrung corrigirter Lehr
sätze trotz ihres notorischen Gegensatzes zu den bisher anerkannten Anschauungen
»nd den Bedürfnissen deS gewerblichen Lebens sich vielfach einer ganz überraschenden
Anerkennung erfreuen — da flüchtet sich das Wild und mit ihm der Unternehmungs
geist, der von ihm lebt. Die hierdurch hervorgerufene allgemeine Un
sicherheit war die hervorragendste Ursache des schlechten Geschäfts-
ganges.
„Die Handelskammer erkennt an, daß Verhandlungen über Handelsverträge,
soweit sic sich auf das Gebiet der Zolltarifsätze erstrecken, nur mit sehr beschränkter
Oeffentlichkeit geführt werden können. Soweit aber darf die Oeffentlichkeit unseres
Erachtens doch nicht beschränkt werden, daß aus den so sehr verschiedenen Gebieten
der Zollpositiouen auch den allein Sachkundigen die Möglichkeit nicht mehr
bleibt, die Unterhändler über die Bedeutung und Tragweite der einzelnen
Zollsätze, den Werth der Concessionen des Gegners, die Gefahren der eigenen
Zugeständnisse zu informiren. Von den „Herabsetzungen und Bindungen" der
Ocsterreicher, Italiener und Belgier chabcn sehr viele gar keine praktische Bedeutung
trotz anscheinender Erheblichkeit, während scheinbar geringere eigene Zugeständnisse
eine bedeutende Schlechterstellung der heimischen Industrie bedeuteten, was z. B.
in hervorragender Weife der Eisenindustrie bezüglich des Eisenbabnmaterials
widerfahren ist. Die österreichischen Industriellen hatten reichlich Gelegenheit, mit
ihrer Regierung und deren Unterhändlern fortwährend in Fühlung zu bleiben.
Von noch höherem Werthe wäre es gewesen, wenn der heimischen Production vor
Beginn der Unterhandlungen die Gelegenheit geboten gewesen wäre, bezüglich
der allgemeinen in Betracht kommenden Fragen, wie Art und Dauer der • abzu
schließenden Verträge, die Gestaltung des Meistbegünstigungüvertrags rc. ebenso die
für sie wichtigen Gesichtspunkte darzulegen, wie dies seitens des Handelstags und
großer Handelscentren mit den specifischen Handelointeressen geschehen ist.
„Daß nachdem die Verträge ohne das abgeschlossen waren, dieselben in einem
mit dem bisherigen Tempo der Behandlung schroff contrastircnden Hochdruck durch
den Reichstag gebracht wurden, ist anfangs ein weiteres Beunruhigungsmoment
gewesen und hat in der ersten Zeit, ehe man die Tragweite der Vorlagen auch
einigermaßen zu übersehen vermochte, panikartig gewirkt Allerdings muß ja zu
gegeben werden, daß die Durchbcratbung derartiger Vorlagen in einer Versammlung
von 400 Personen, von denen in jeder Eiiizelfrage nur einzelne wenige ein auf
eigener Kenntniß begründetes Urtheil haben und haben können, schon an sich nur
von zweifelhaftem Werth sein kann, daß aber eine vorwiegend nach politischen und
leider viel zu sehr nach fraktionspolitischen Gesichtspunkten gegliederte und nach
Wahltaktik urtheilende Körperschaft in technisch-wirthschaftlichen Fragen der Negierung
nicht genügend Halt und Deckung, noch weniger aber den wirthschaftlichen Landes
interessen Schutz und Sicherung zu geben geeignet ist. Die Handelskammer hegt
die Ueberzeugung, daß auch die Handelsverträge — über die ja schließlich als nahezu
vollendete Thatsache im December 1891 nicht mehr mit.Nutzen discutirt, sondem
nur durch Za und Nein abgestimmt werden konnte — andere und glücklichere