Full text: Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

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fähigkeit geworden ist — sie wäre aber auch für tie friedliche Production ter 
ganzen Welt verhängnißvoll gewesen. 
„Bor dem Beginn der Reichstagsverhandlungcn über die Handelsverträge 
bat unsere Kammer sofort so entschieden und eingehend, wie kaum eine zweite, in 
ihren Sitzungen vom 14. December 1891 und 8. Januar 1892 die geschäftlichen 
und politischen Folgen gekennzeichnet. Ta die Berichte damals in den verschiedensten 
Blättern die Runde gemacht baden, so können wir von deren Wiedergabe beute 
absehen. Wir vermochten uns zwar tamals angesichts der Thatsache, das; die 
positiven Errungenschaften in geschäftlicher Beziehung hinter den Erwartungen 
zurückgeblieben sind, nicht an dem mannigfach hervortretenden Optimismus zu be 
theiligen, der in den Handelsverträgen den Anbruch einer neuen Aera für die 
Entwickelung unserer Erportindustrie erblickte. Aber wir müssen auch hier, und 
zwar schon als principielle Freunde der Conventionaltarife, unserer Genugthuung 
über die Festigung des wirthschaftlichen Friedens Ausdruck geben. — 
„Ein konsequenter Ausbau des neuen Conventioualtarifs nun verlangt, daß 
zum Abschluß eines solchen hauptsächlich auch die si'idamcrikanischen Staaten ge- 
wonncn werden, dies um so mehr, als die neuen Zollerhöbungen in Brasilien, 
Chile und in den La Plata-Staaten namentlich den Import hochfeiner Waaren 
sehr erschwert. Jetzt gilt es, der Union und Frankreich zuvorzukommen, und dies 
ist derzeit dadurch erleichtert, daß Chile gegen die Union wegen deren brüsten 
Vorgehens, Brasilien und Argentinien gegen Frankreich durch die französische 
Zollerhöhung für Kaffee und Cerealien verstimmt worden sind. In Merito haben 
wir gegenüber den Bereinigten Staaten von Nordamerika einen Vortheil, der »ns 
wohl sonst in keinem andern überseeischen Laute unterstützt: wir genießen dort 
mehr Sympathien als unser Concurrent. 
„Der Abschluß weiterer Handelsverträge mit den europäischen Staaten, 
wie Spanien, Portugal, Rumänien ist ohnehin schwierig: es giebt dort sowohl 
eine gewisse „nationale" Industrie, deren Keime nm jeden Preis gepflegt werden, 
als auch eine entschiedene protcctionistische Strömung; zudem haben diese Länder 
nichts geboten, um sich die Meistbegünstigung seitens Deutschlands zn erwerben, 
und doch genießen sie dieselbe thatsächlich. Rumänien ist schon wegen Oesterreich- 
Ungarns für Tarifzugeständnisse schwer zugänglich. Leichter werden die Verhand 
lungen mit den central- und südamerikanischen Staaten voranschreiten, da wir hier 
nur für Rohproduete Concessionen zu bewilligen haben. Bon jenen Staaten dürften 
wir wohl auch deshalb um so eher Zugeständnisse erlangen, als die Bestimmungen 
der dortigen Zolltarife durchaus nicht etwa aus wirthschastspolitischen Rücksichten 
auf die Landcswohlfahrt abfließen, weit entfernt davon. Nur als Beispiel mögen 
die Papierzölle in Mexiko dieueu, welche neuerdings einigen einflußreichen Papier- 
fabrikanten zulieb eingeführt worden sind, obgleich solche kaum ’/*> des Landes- 
bedarfs decken kennen; des nothwendigen Imports zahlt nun dort 30 bis 
100 pCt. vom Werth, damit der Rest von den begünstigten Fabriken erzeugt 
werden kaun. 
„Anderseits wird die hervorragende Stellung, welche unser Export nach den 
süd amerikanisch en Staaten, von Merito herunter nach Central-Amerika, 
Columbien, Brasilien. Peru, Argentinien, Chile rc. einnimmt, zu wenig gewürdigt. 
Diese Länder ohne eigene Industrie bilden die großen Atsatzgebiete für deutsche 
Fabrikate jeder Art. Man darf ohne Uebertreibung sagen, die deutschen Import- 
Häuser daselbst und die Exporthäuser Hamburgs beherrschen diese Märkte.
	        
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