Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

thu»  in  der  Lage  waren,  und  doch  hören  wir  aus  fast  allen  Branchen  Klagen
daß  die  Verträge  keine  nennenSwerthen  Vertheile  für  sie  gehabt  hätten.  Die
Maschinen,ndustric  gleichermaßen  wie  die  Spinnerei,  die  Weberei  in  Möbelstoffen,
Kleiderstoffen,  Flanellwaaren,  die  Wirkerei  und  andere  ergeben  sich  unter  dem
ersten  Eindrücke  dee  Jnkrasttretenö  der  Verträge  in  Klagen  hierüber,  und  nicht
selten  wird  der  Meinung  Ausdruck  gegeben,  daß  die  Vertrauenslosigkeit  in  die  allgemeine ­
  Lage  eher  eine  Zunahme  ale  eine  Abnahme  hierdurch  erfahren  habe.  Eine
stete  enge  Fühlung  der  Reicheregierung  während  der  Vertragsverhandlungen  mit
de»  hervorragendsten  Vertreten,  der  einzelnen  Industricgruppen  in  deutschen  Landen
selbst  würde  nach  vielfach  geäußerten  Ansichten  wohl  geeignet  gewesen  sein.  viele
solcher  Klagen  hinfällig  zu  machen.  Nur  ganz  vereinzelt  sollen  bestimmte  Industriezentren ­
  der  Ebre  gewürdigt  worden  sein,  daß  ihren  Vertretern  Gelegenheit  geboten
wurde,  ihre  Wünsche  direkt  an  maßgebender  Stelle  so  zu  Gehör  zu  bringen,  daß
bei  den  Verhandlungen  in  unmittelbarster  und  bevorzugter  Weise  auf  sie  Rücksicht
genommen  wurde.  Eines  solchen  Vorzuges  soll  sich  insbesondere  eine  rheinische
Handelskammer  zu  erfreuen  gehabt  haben  und  sic  weiß  die  ibr  dadurch  gewordenen
Vortheile  nur  zu  rühmen.
„Diese  lobenswertb«-  Art,  sich  an  der  Quelle  selber  von  Fall  zu  Fall  Raths
zu  erholen,  hätte  aber  allgemein  geübt  werden  sollen,  um  das  Ganze  bestmöglichst
zu  gestalten.  Nicht  blos  aus  dem  führenden  Staate,  sondern  aus  allen  deutschen
Staaten  Industrielle  zu  boren,  wäre  erwünscht  und  angezeigt  gewesen,  und  gewiß
würde  man  keinen  Fehlgriff  gemacht  habe»,  wenn  man  Fachmänner  aus  einer  so
hervorragenden  Industriestadt,  wie  dies  Ehemnitz  ist,  zu  den  Erörterungen  mit
hinzugezogen  hätte.  Es  würden  in  jeder  einzelnen  Industriegruppe  Männer  zu
sinden  gewesen  sein,  welche  freudig  dem  Rufe  nach  Berlin  gefolgt  wären,  um  auf
das  Eingehendste  aus  dem  Schatze  ihres  Wissens  und  ihrer  Erfahrung  Rede  und
Antwort  zu  stehen  über  das,  was  ihren  Zweigen  bei  den  Verbandluugen  gefrommt
haben  würde.  Vertraut  mit  allen  Feinheiten  der  von  ihnen  cultivirten  Erwerbszweige,
  würden  sie  den  Regierungen  ein  Berücksichtigen,  ein  Eingehen  anf  ihre
Ansichten  und  Wünsche  vielleicht  ermöglicht  haben,  womit  der  ganzen  Lage  ein
besseres  Gepräge  verliehen  worden  wäre.  Ein  gediegener  Kenner  der  Möbelstoffwcberei.
  etwa  ein  langjähriger  Fabrikant  aus  dieser  Branche,  würde  im  Stande
gewesen  sein,  über  sein  specielles  Gebiet  die  schätzenswertbesten  Auskünfte  und
Rathschläge  zu  gebe»,  während  er  gewiß  abgelehnt  hätte,  über  einen  anderen  Zweig
der  Weberei,  z.  B.  die  Kleiderstoffweberei,  aus  Mangel  an  tiefgreifender  in's
Einzelne  gebender  Erfahrung  in  dieser  besonderen  Gruppe  ein  Urtheil  zu  fällen.
Beide  Specialitäten  gehören  ja  der  Wcbwaarenbranchc  an,  gleichwohl  würde  für
jede,  und  seien  sie  auch  in  einem  Bezirk  als  Hauptbranchen  vertreten,  ein  besonderer
Fachmann  zu  hören  sein.  Wie  soll  nun  unter  Umständen  bei  Verhandlungen  z.  B.
ein  Beamter,  also  nicht  einmal  ein  Praktiker,  und  sei  er  auch  ein  noch  so  kenntnißreicher
  und  gediegener  Mann.  das  Ganze  eines  Industriezweiges  beherrschen  können,
über  welches  erst  eine  ganze  Reihe  von  alteingeführten  Specialisten  zu  hören  gewesen ­
  wäre,  wenn  man  zweckentsprechend  hätte  orientirt  sein  wollen  '(  Durch
schriftliche  Enguöten.  so  nützlich  sie  auch  sonst  wirken  können,  wird  man  nie  das
crreichen,  was  in  vertraulicher  Besprechung  zwischen  den  berufensten  Fachleuten
aus  jeder  Richtung  und  den  Theoretikern  auf  zvllpolitischem  Gebiete  zur  Klärung
der  Situation  an  sich  geschaffen  werden  kann.  Unser  österreichischer  Nachbarstaat  scheint
sich  in  dieser  Beziehung  enger  in  Fühlung  mit  seinen  Industriellen  gehalten  zu  haben
            
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