Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

87

Handels-  und  Gewerbekammer  zu  Zittau.
„Von  hervorragender  Bedeutung  war  das  Jabr  I8!)1  durch  die  Vorbereitungen
zur  Erneuerung  der  zum  I.  Februar  1892  ablaufenden  oder  gekündigten  Handelsverträge ­
  des  Teutschen  Reiches  mit  Oesterreich-Ungarn,  der  Schweiz,  Italien  und
Belgien.  Es  folgten  Verhandlungen  auch  mit  anderen  Staaten,  die,  obwohl  sie
erst  in  das  Jahr  1892  sielen,  doch  oben  berücksichtigt  worden  sind.  Die  Er-Wartung
  der  neuen  Handelsverträge  übte  einen  lähmenden  Einfluß  auf  den  Handel,
da  ihre  Ergebnisse  ungewiß  waren  und  man  sich  scheute  Geschäfte  einzugehen,  die
unter  den  neu  zu  schaffenden  Verhältnissen  sich  vielleicht  als  Verlust  bringend
herausstellen  würden.  -Nachdem  die  Verträge  mit  Oesterreich-Ungarn,  Italien  und
Belgien  am  6.,  mit  der  Schweiz  am  10.  December  1891  abgeschlossen  waren,
wurden  sie  vom  Reichstage  in  einer  der  Bedeutung  der  Dache  nicht  angemessenen
Hast  durchberathen  und  angenommen.  Die  Kammer  hat  es  früher  alo  wünfchcnswerth
  erklärt,  daß  durch  die  neu  abzuschließenden  Handelsverträge  bestimmte
wichtige  Zollsätze  Deutschlands  und  des  Auslandes  auf  längere  Zeit  oor  einer  Erhöhung ­
  bewahrt  werden  und  daher  für  Unterhaltung  und  Anknüpfung  von  Geschäftsbeziehungen ­
  die  wünschenSwerthe  Stetigkeit  und  Sicherheit  gewähren  möchten.
Allerdings  dürfe  die  Dauer  der  Verträge  sich  auf  höchstens  10  Jahre  erstrecken.
Nachdem  nun  die  Verträge  für  die  Zeit  bis  zum  31.  December  1903  abgeschlossen
worden  sind,  würde  die  Kammer  gleichwohl  nicht  anstehen,  sie  als  einen  Segen
zu  bezeichnen,  wenn  ihr  Inhalt  dies  rechtfertigte.  Leider  stellt  sich  aber  die  für
12  Jabrc  gewonnene  Stetigkeit  als  eine  Stetigkeit  wenig  günstiger  Verhältnisse ­
  heraus.  Durch  die  nun  vereinbarten  Zollsätze  sind  die  Interessen  des
Kammerbczirks,  über  die  hinsichtlich  des  Handelsvertrages  mit  Oesterreich-Ungarn
dem  Ministerium  des  Innern  unaufgefordert  berichtet  wurde,  nur  in  unvollkommein
Maße  berücksichtigt  worden  ....  Für  die  Hauptindustrie  des  Kammerbezirkes,  die
Weberei,  ist  in  Oesterreich-Ungarn  kein  neues  Absatzgebiet  erschlossen  worden.  —
Für  die  Wollweberei  wäre  ein  österreichischer  Zoll  auf  Tuche  von  30  Gulden  ertragbar ­
  gewesen.  Die  Zollsätze  von  50—I  l0  Gulden  sind  aber  erhalte»  geblieben.
Die  österreichischen  Zölle  aus  gemusterte  Leinenwaaren  bis  20  Kettenfaden  auf
5  mm  und  auf  Leinenwaaren  über  20  Kettenfaden  ans  5  mm  betragen  nach  wie
vor  40  oder  80  Gulden,  obwohl  sie  in  dieser  Höbe  in  keiner  Weise  gerechtfertigt
sind  und  einem  Einfuhrverbote  gleichkommen.  —  Der  österreichische  .'»oll  auf  Jutegewebe ­
  batte  dem  auf  Jutegarne  gleichgestellt  werden  müssen,  ist  aber  auf  der
Höbe  von  6  Gulden  erhalten  worden.  Die  österreichischen  Zölle  auf  baumwollene
und  halbleinene  Rock-  und  Hosenstoffe  sind  zwar  durchweg  etwas  ermäßigt  worden,
doch  waren  sie  früher  so  hoch,  nicht  selten  gleich  30-40  pCt.  vom  Werth  der
Waaren,  daß  diese  Ermäßigung  einen  nenncnswerthen  Erfolg  nicht  haben  wird.
Bei  einem  Zollsatz  von  70  kann  ebensowenig  wie  bei  einem  Zollsatz  von  80  Gulden
eine  Einfuhr  nach  Oesterreich  stattfinden.  Es  wäre  sehr  bedauerlich,  wenn  die
deutschen  Unterhändler  aus  Mangel  an  Sachkunde  die  von  Oesterreich-Ungarn  zugestandene ­
  Ermäßigung  einer  großen  Anzahl  von  Zollsätzen  auf  Baumwollwaaren
für  einen  wirklich  werthvollen  Gewinn  gehalten  und  dafür  ihrerseits  werthvolle
Zugeständnisse  gemacht  hätten  ....  Im  Jahresberichte  für  1890  lS  125  f.)
ist  erwähnt  worden,  daß  die  Scheuertuchindustrie  des  Bezirkes  unter  der  belgischen
Eoncurrenz  schwer  zu  leiden  habe,  da  nach  Nr.  2d  Anmerkung  2  des  deutschen
Zolltarifs  ganz  grobe  Gewebe  aus  robem  Gespinnst  von  Baumwollabfallen  in
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.