332 Zwölftes Buch. Viertes Kapitel.
ihm stand, mehr oder minder mächtig, eine Vertretung aus
dem Lande, die trotz aller Abweichungen in den einzelnen
Territorien dennoch im ganzen überall denselben, sehr bestimmt
ausgeprägten Charakter trug.
Zwar die Zahl der Territorien, in denen sich innerhalb einer
solchen Vertretung Reste der alten Anteilnahme der freien Bauern
am staatlichen Leben erhalten hatten, war äußerst gering. Wo
überhaupt saßen denn noch dichter freie Bauern in ununter—
brochener Überlieferung der politischen Rechte der Urzeit, außer
in den Grenzgebieten deutschen Wesens, am Niederrhein und in
Ostfriesland, in Dithmarschen und in Hadeln, in der Schweiz
etwa und in Tirol? Und auch hier wurden sie jetzt teilweis
nicht mehr, wie einstens, persönlich zu den Geschäften des
Landes herangezogen, sondern in der Vertretung, welche die
karlingische Zeit für die richterliche Thätigkeit der Freien zu
entwickeln bestrebt gewesen war, im Schöffentum. So finden
sich Landschöffen im Jülichschen und Bergischen wie in Tirol
als politische Berater des Landesherrn. Allein in den meisten
Fällen war auch hier ihre Zeit vorüuber. Was bedeutete ihr
Recht, wenn es nicht gegengewogen ward und sich gleichsam
von neuem immer wieder verjüngte durch Leistung staatlicher
Pflichten? Aber die Rechtspflege, einst einer der Hauptpunkte
öffentlicher Pflichten der Freien, fiel immer mehr dem fürstlichen Be—
amtentum anheim; der Kriegsdienst war längst Sache der Ritter
geworden und wurde bald Sache der Söldner; und die finanziellen
Leistungen der Freien waren zu unbedeutend, um ihren Trägern
Anspruch auf staatliche Beachtung zu sichern. So verfiel an
den meisten Orten, wo sie noch bestand, die politische Vertretung
der freien Bauern gegenüber dem Landesherrn, ein Überlebsel
längst entschwundener Zeiten; und nur dort erhielt sie sich, wo
ihr aus der Leistung staatlicher Pflichten, wie aus einer sozial
besonders günstigen bäuerlichen Entwicklung neuer Lebensodem
zuströmte. Das war der Fall vor allem in Tirol. Hier nahm
seit spätestens der Mitte des 14. Jahrhunderts die soziale Ent⸗
wicklung des platten Landes einen rühmlichen Aufschwung, die
Leibeigenschaft verschwand fast, der freie Bauer trat breit ein