915) Würdigung der heutigen Vermögensverteilung. 457
des Imperialismus ein reicher Fabrikant, beide in gewissem Sinne zugleich Führer der
socialen Reform. Lafsalle konnke die deutsche Socialdemokratie nur begründen, weil er
vorher durch einen ziemlich zweifelhaften Prozeß sich die Rente eines reichen Mannes
verschafft, und heute suchen die Socialdemokraten den Vorspann der Geldmacht, den sie
brauchen, bei jüdischen Millionären; sie thun damit nur dasfelbe, was andere Klassen
und Parteien in etwas anderer Form und bei anderen Millionären sich leisten; z. B.
unser Feudaladel durch das Aufheiraten der Bankiers- und Fabrikantentöchter. Aber
auch, wo nur bescheidenere Zwecke angestrebt werden, ist die Vermögensrente in viel—
jacher Weise heilsam; sie dient als Reserve für Alier, für Witwen 'und Waisen, als
Mittel der Ausstattung der Kinder und der höheren Ausbildung der folgenden Gene—
rationen. Der größere Teil des Vermögens ist heute kein gesicherter Baumstamm, der
immer neue Früchte trägt und neue Zweige treibt, sondern ein Vorzug, der stets aufs
aeue erarbeitet und erkämpft sein will. —
Soweit es Personen und Familien dient, die allein von der Vermögensrente
leben, fragt es sich, wer sie seien. Die französische Volkszählung von 1894 giebt darauf
die Antwort, daß auf ca. 9 Mill. Familien 956729 kamen, die als reine Rentner zu
bezeichnen seien; die Hälfte hatte nur einen weiblichen Vorstand; von der andern Hälfte
mit männlichem Vorstand waren diese wieder zur Hälfte über 60 Jahre alt. Also drei
Viertel dieser Rentner waren ohne Arbeitseinkommen, weil die Natur es ihnen verbot.
Die Rente verfieht hier nur den Dienst der Alters- und Witwenversorgung. Es bleiben
etwas über 200 000 Familien, die wir als wirkliche Rentner bezeichnen können, etwa
2,200 der Familien. Von ihnen wird ein Teil koͤrperlich und geistig unfähig sein,
ein Teil wird im Dienste des Staates und der Gesellschaft ehrenamtliche Pflichten erfüllen;
die wirklichen Drohnen werden einige Tausende nicht übersteigen.
Mit solchen Ausführungen ist nicht bewiesen, daß jede Vermögensanhäufung
gesund sei und günstig wirke. Aber es ist gezeigt, wie schief die socialistische Unter—
stellung ist, als ob jeder größere Vermögensbesitz nur ungünstige Folgen habe, nur als
Polster der Faulheit wirke. Es ist wahrscheinlich gemacht, daß eine Anzahl großer
Vermögen heilsam wirken können; sie thun es, zumal wenn mittlere und kleinere in großer
Zahl neben ihnen vorhanden sind, wenn auch aus bloßem Arbeitseinkommen neue kleine
und große Vermögen sich bilden, wie wir heute annehmen können. Niemals früher
wird ein so großer Teil des vorhandenen Vermögens von den noch lebenden Eigen—
tümern oder ihren Vätern erarbeitet, ein so großer Teil Folge ausgezeichneter Eigen—
schaften und Leistungen gewesen sein. —
Wir haben nun die Einkommensverteilung im ganzen ins Auge zu faffen, wie
sie aus der Vermögensrente und dem Arbeitsverdienst zusammen sich ergiebt. Wir haben
einleitend schon gesehen, daß die Ausbildung der wichtigsten Institutionen, welche das
Arbeitseinkommen beherrschen, erst der neueren Zeit angehört. Wir haben nun ins Auge
zu fassen, in welcher Weise die beiden Einkommensarten zusammenwirken. Wir werden
sehen, daß die weitere Fortbildung des Arbeitseinkommens und seiner Bedingungen die
Hand bietet, die Verteilung der Vermögensrente, soweit sie zeitweise als eine ungesunde,
als eine zu ungleiche, zu sehr auf die obersten Klassen beschränkte erscheint, im Sinne
gerechter Gesamtverteilung und Hebung der unteren und mittieren Klassen zu korrigieren.
236. Die Einkommensverteilung im ganzen ist ein Resultat der Ver—
mögensverteilung und der Art, wie das Arbeitseinkommen sich gestaltet. Man hat das
Problem nach zwei Seiten hin zu fassen gesucht. Man hat Thebrien und Formeln all—
gemeiner Art aufgestellt, wie das Vermögens⸗ und Arbeitseinkommen sich in seinem Ver—
hältnis historisch und unter der Einwirkung bestimmter Ursachen ändere, und man hat ohne
Kücksficht auf den Ursprung der Einkommensteile die Gesamtverteilung in ihrer thatfächlichen
Gestaltung untersucht, ihre Ursachen zu fassen, die Ergebnisse zu formulieren sich bemüht.
Der erstere Verfuch entsprach dem kühneren Mut der älteren abstrakten National⸗
konomie. Wir sahen, wie Ricardo die Frage formulierte und beantwortete, Der ganze
Socialismus wollte in ähnlich vorschneller Art beweisen, daß das Vermögen inmer
nehr, die Arbeit immer weniger erhalte. Ohne die damals noch ganz fehlende Ein—