Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil. 
Die Sexualverbrechen der Süditaliener entspringen ganz ande- 
ren Wurzeln als die der übrigen Bewohner Hesperiens19?, Die 
Unterschiede in der Bewertung der durch einen öffentlich ge- 
raubten Kuß verursachten Schädigung sind zwischen Nord- und 
Süditalien so groß, daß, falls die Rechtsprechung nach folk- 
loristischen Gesichtspunkten verfahren würde, dieses Vergehen 
in Kalabrien mindestens mit zwei Jahren, in Turin oder Bo- 
logna dagegen nur mit ein paar Monaten Gefängnis bestraft 
werden müßte 102a, 
Die irreführende Eigenschaft der Moralstatistik läßt sich 
noch an den Beständen der Statistik Siziliens selbst erhärten. 
Kriminalstatistisch scheinen im Westen Siziliens die Sittlich- 
keitsverbrechen weniger zahlreich zu sein als im Osten der 
Insel; dagegen kommen dort mehr Verbrechen gegen Leib und 
Leben vor. Somit könnte man annehmen, daß, allerdings im 
Gegensatz zur allgemeinen Moral, wie sie in den Ziffern der 
Körperverbrechen zum Ausdruck kommt, die Sexualmoral im 
Westen höher stehe als im Osten. Dazu ist indes zu bemerken. 
Norditalien auf 10,92 pro 100000 Einwohner, 
Mittelitalien „ 15,92 ‚, 
Süditalien „ 35,68 ,, » 
Sizilien „ 43,71 z 
Sardinien „28,99 
beliefen, unnötig aufgeregt. (Al£redo Niceforo, Italiani del Nord ed Italiani 
del Sud, Torino 1901, Bocca, P- 314.) Über die Inkommensurabilität der 
sozialen Faktoren in der von der gleichen statistischen Zentrale behandelten 
Moralstatistik des norditalienischen und des süditalienischen Milieus wird 
ohnehin lebhaft Klage geführt. (Vgl. Gaetano Baglio, Sicilia, Piemonte € 
Lombardia nella Statistica Giudiziaria Penale, Napoli 1910, Pierro, p. 55£. 
sowie Alfredo Niceforo., La misura della vita, Torino 1919, Bocca, 
p. 158/159.) 
12 Vgl. auch Pasquale Rossi, Il delitto „barbaro“ nell' Italia meri- 
lionale, in Antonio Renda, La Questione Meridionale, 1. c., p. 224/25. 
102a Manci, 1. ©, P- 157. — Auch in Deutschland bestehen ethnische 
und religiöse Verschiedenheiten in der Auffassung von der sittlichen An- 
stößigkeit. (Vgl. Albert Moll, Polizei und Sitte. Berlin 1917. Gersbach. 
p. 53.)
	        
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