Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

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Zweiundzwanzigstes Buch. 
aller einheitlichen Fassung der Monadenlehre und bei allem 
Einfluß dieser auf die monistischen Systeme der Zukunft dennoch 
in der Lehre von der prästabilierten Harmonie an der Zwie— 
heit des rein Geistigen und rein Materiellen festhielt. Und so 
mußte man, in stillem Gegensatze zu diesen Philosophemen wie 
zum Dualismus der christlichen Lehre, die oberste Anknüpfung 
an das Denken der Vergangenheit, falls man sie ersehnte, 
anderswo suchen. Man fand sie in den Büchern Spinozas. 
Aber nicht der Rationalist Spinoza, der unerbittliche 
Rechner und Beweiser, kam den Bedürfnissen der Zeit entgegen; 
die mystische und damit freilich die wesentlichste Seite des 
großen Denkers vielmehr gewann das Feld; und ihr gab man 
sich einseitig hin sogar bis zum Mißverständnis des vollen 
Systemes, um sich an ihrer folgerichtigen Auswirkung zu stärken, 
zu erbauen, zu begeistern. So haben Herder und Goethe in 
dem höchsten Wesen Spinozas nicht einen abstrakten Begriff 
gesehen, sondern das „ens realissimum, in dem sich alles, 
was Wahrheit, inniges Leben und Dasein ist, intus und 
radicaliter vereinigt,“ das allein Daseiende, „durch welches 
ich nur sofern bin, als ich ein kleiner Zweig auf dieser ewigen 
und unendlichen Wurzel vom Baum des Lebens grüne.“! 
Und mit dem lebendigen pantheistischen Gottesbegriff Spinozas, 
den man eben seiner durchaus anschaulichen, gleichsam persön— 
lichen Fassung wegen dem christlichen Gottesbegriffe keineswegs 
entgegensetzte, ja oft sogar logisch vereinbar dachte, verband 
man zugleich dessen warmes, sittlich-religiöses Empfinden. So 
kam es zu einem Wiederaufleben der alten und doch nun 
ganz neu gewandten Philosopheme des frommen Juden, das 
mehr als ein Jahrzehnt hindurch wenigstens den literarischen 
Kreisen die philosophische Signatur geben half: einen Schritt 
vor Leibniz voraus erschien man sich, indem man den Manen 
des heiligen Benedictus eine Locke opferte. 
Von keinem Kopfe aber sind die Lehren Spinozas mit der 
Monadologie Leibnizens so innig umgegossen und zusammen— 
Herder, zit. Haym 2, 277.
	        
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