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Erstes Buch, Cap. 2.
A. Smith bis zu einem gewissen Grade verdunkelten, indem
Ricardo’s scharfgefasste Lehrsätze weithin als Aeusserungen
einer unfehlbaren Autorität acceptirt wurden und man dabei
vielfach sogar ohne weitere Kritik annahm, sie seien Zzu-
gleich die eigentliche Meinung von A. Smith selbst.
David Ricardo war in England als Sohn eines holländi-
schen Juden 1772 geboren. Ein gewiegter Geschäftsmann,
schwang er sich zu ansehnlichem Reichthum empor. Seit
1799 warf er sich auf nationalökonomische Studien, seit 1809
trat er als Schriftsteller auf. Er, der Praktiker, nicht der
stille Gelehrte Adam Smith, bildete die rein abstracte Methode
der Entwicklung wirthschaftlicher Gesetze aus und wusste
seine Sätze durch ihre knappe Form mit dem Schein mathe-
matischer Gewissheit zu umgeben. Aber er war es zugleich,
unter dessen Hand die rechtgläubige Nationalökonomie zu einer
gefügigen Dienerin der ausschliessenden Interessen des mobilen
Capitals wurde.
Es ist wunderbar, wie sehr auch eine nur scheinbar der
Mathematik verwandte Präcision des Ausdrucks imponirt. Hat
man doch das Ricardo’sche Grundrentengesetz allen Ernstes
mit dem Newton’schen Gesetz der Schwere verglichen, und
wie viele deutsche Gelehrte haben in ihrer Harmlosigkeit dieses
Gesetz ganz objectiv vom Standpuncte der Wissenschaft ge-
prüft!) resp. gerechtfertigt, ohne auch nur zu ahnen, dass
diese Lehre einfach von dem Hass des Geldcapitalisten gegen
den Grundbesitzerstand dietirt war!
1) In der ersten Nummer des Literarischen Centralblatts von 1878
bespricht W. R. (Roscher) die neue Auflage der Baumstark’schen Ueber-
setzung von Ricardo’s Principles. Der gelehrte Kritiker nimmt Ricardo
ınd seine Methode stark in Schutz gegenüber den historisch-statistischen
and praktisch politischen Neueren und führt aus, ein Mann wie Ricardo
habe doch wohl gewusst, dass und warum er Abstractionen anwendet,
dass seine Sätze nur hypothetische Gültigkeit haben; — sie seien aber
als solche wissenschaftlich höchst werthvoll. Das ist vom Standpunkte des
gelehrten Nationalökonomen richtig — und ich erkenne ja selbst Ricardo als
geistig hochstehend an. Wer ihn aber vom Standpunkt einer Geschichte
des englischen Volks betrachtet, der muss zu dem Roscher’schen Urtheil
zufügen, dass die Ricardo’sche Methode nicht nur scharfe Resultate er-