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I. Buch. Production und Consumtion.
besitzen Mittel und Wege, um ihre Kinder ordentlich zu erziehen, und solange
es nöthig ist, unter ihrem Einflüsse zu halten. Gibt ihnen doch der Besitz ihres
Vermögens schon dadurch, daß sie den Kindern je nach Gutbesinden so manche
Freuden gewahren oder versagen können und daß sie infolge der überall wenig
stens in einem gewissen Maße bestehenden Testirfreiheit die folgsamen Kinder
zu belohnen und die schlechten auf das wirksamste zu strafen vermögen,
ein mächtiges Mittel der Einwirkung. Auch hat die technische Revolution,
die sich seit ungefähr anderthalb Jahrhunderten vollzogen, nur in den niedern
Klassen der menschlichen Gesellschaft die Ueberlegenheit der ältern Leute ver
mindert. Die Leitung eines Geschäftes oder Unternehmens erfordert noch immer
Klugheit und Erfahrung, also Eigenschaften, die nur im Laufe langer Jahre
erworben werden, und die Vortheile, welche geistige und wissenschaftliche Arbeit,
welche der Beruf eines Beamten, Arztes, Gelehrten u. s. w. bringt, erreichen
erst 20 oder noch mehr Jahre nach der Zeit, zu welcher der Betreffende in
seiner höchsten körperlichen Blüthe stand, ihren Höhepunkt.
Gegen die Maßregeln, welche wir soeben zur Verstärkung der elterlichen
Autorität der den niedern Volksschichten angehörenden Familienhäupter befür
wortet haben, wird mm zwar eingewendet, daß die Eltern dadurch die Macht
erlangen würden, ihre Kinder schlecht zu behandeln und auf deren Kosten in
Trägheit zu leben und sich dem Trünke zu ergeben. Das ist allerdings in
gewissen Fällen möglich. Wie aber könnte die Thatsache, daß eine an und
für sich heilsame Gewalt unter Umständen mißbraucht werden kann, den Anlaß
dazu bieten, daß diese Gewalt der zu ihrer Aufrechterhaltung nöthigen Be
fugnisse entkleidet würde? Solche Mißbräuche können durch Pflege des reli
giösen Lebens und ernster Sittlichkeit beträchtlich vermindert und auch durch
geeignete gesetzliche Maßregeln auf ein Minimum reducirt werden; man räume
nur dem Unternehmer die Vollmacht ein, den Lohn des betreffenden jugend
lichen Arbeiters, falls der Vater ein notorischer Taugenichts oder ein arbeits
scheues Subject ist, der Mutter auszuzählen, und wenn auch dieser Ausweg
nicht rüthlich ist, zum Theil in einer Sparkasse zu deponiren.
Aber nicht nur die Aufrechterhaltung der elterlichen Autorität über die
jüngern Kinder sowohl als über die unverheirateten jungen Leute ist wichtig.
Auch das Zusammenleben einer größern Anzahl erwachsener Familienglieder
in einem und demselben Haushalt ist von hohem socialen und wirtschaftlichen
Werth. Es kommt in den Ländern, in welchen die Bauerngüter ungetheilt
in der nämlichen Familie fortvererbt werden, und auch in Gegenden, wo sich,
wie in gewissen Theilen Italiens *, eine heilsame Gestaltung der Pachtverhält-
î Siehe die Ausführungen im vorigen Kapitel über die mezzadria in Toscana
und in Umbrien.