Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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1.  Buch.  Production  und  Consumtion.

zahl  oder  die  Beschränkung  der  Volkszunahme.  Die  Anhänger  dieser  Ansicht
sind  demnach  davon  überzeugt,  daß  die  Uebervölkerung  ein  schon  vorhandenes
Uebel  sei.  Mit  der  Richtigkeit  oder  Jrrthümlichkeit  dieser  Behauptung  steht
und  fällt  ihr  ganzes  System.  Sie  sind  alle  darin  einig,  daß  die  Menschen
die  Neigung  haben,  sich  wesentlich  schneller  zu  vermehren,  als  die  für  die
Existenz  einer  stürkern  Bevölkerungszahl  benöthigten  Unterhaltsmittel  anwachsen.
Es  ist  nicht  schwer,  die  Grundlosigkeit  dieser  Befürchtungen  darzuthun;
Malthus  gibt  sich  alle  nur  erdenkliche  Mühe,  um  zu  beweisen,  daß  alle  Völker,
von  denen  wir  wissen,  so  fruchtbar  sind,  daß  ihre  Bevölkerungszahl  rapid  und
ständig  zugenommen  haben  würde,  wenn  nicht  Noth,  Krieg  und  Kindermord
ihre  Gegenwirkungen  geäußert  oder  die  späten  Eheschließungen  und  die  Ehelosigkeit ­
  vieler  vorbeugend  gewirkt  hätten.  Aber  er  beweist  nicht,  daß  diese
die  Bevölkerungszunahme  verhindernden  oder  langsamer  gestaltenden  Einflüffe
der  Bevölkerungszunahme  zuzuschreiben  sind  oder  sie  zu  verhindern  bestimmt
waren.  Es  war  aber  zu  beweisen,  nicht  daß  etwas  hätte  der  Fall  sein  können,
sondern  daß  es  wirklich  der  Fall  war.  Auch  thut  es  nichts  zur  Sache,  daß
in  einzelnen  Fällen  wirklich  der  Pauperismus  auf  Rechnung  der  Uebervölkerung
zu  setzen  ist.  Es  ist  das  namentlich  auf  kleinen  Inseln  und  in  abgelegenen
Thälern,  wo  sich  die  Einwohner  nicht  zur  Auswanderung  entschließen  wollten
oder  konnten,  in  der  That  der  Fall.  Damit  ist  aber  durchaus  nicht  bewiesen
und  nicht  einmal  glaubhaft  gemacht,  daß  das  in  ganzen  großen  Ländern,
z.  B.  in  gewissen  Gegenden  Italiens  oder  Indiens,  herrschende  Elend  auf
Rechnung  einer  zu  zahlreichen  Bevölkerungszahl  zu  setzen  ist.  Thatsächlich
sind  in  den  meisten  der  Länder,  welche  von  Malthus  oder  den  Malthusianern
der  Neuzeit  als  übervölkert  bezeichnet  werden,  zahlreiche  andere  Ursachen  des
Elends  und  des  Lasters  vorhanden,  indem  dort  menschliche  Ungerechtigkeit,
Gewaltthat  und  Corruption  ihre  Verheerungen  anrichten.  Wenn  sich  diese
unheilvollen  Einflüsse  nicht  geltend  machten,  würden  die  vorhandenen  natürlichen ­
  Hilfsmittel  dieser  Länder  vollkommen  ausreichen,  um  der  jetzigen  Einwohnerzahl ­
  reichlichen  Unterhalt  zu  gewähren.
Es  sind  zum  Theil  historische  Gründe,  welche  die  Verbreitung  der  irrigen
Anschauungen  über  die  Frage  der  Uebervölkerung  herbeigeführt  haben.  Die
schnelle  Zunahme  der  Einwohnerzahl,  wie  sie  z.  B.  in  Nordamerika  stattfand,
machte  in  Verbindung  mit  der  dem  volkswirtschaftlichen  Gesetze  der  verminderten ­
  Einträglichkeit  geschenkten  Aufmerksamkeit  auf  die  Zeitgenossen  von
Malthus  einen  tiefen  Eindruck,  so  daß  dieselben  die  Zunahme  der  Zahl  der
Menschen  als  etwas  Unheilvolles  ansahen.  Die  Uebervölkerung  wurde  nickst
mehr  als  etwas  Mögliches,  sondern  als  etwas  schon  Bestehendes,  ja  als  die
hauptsächlichste  Quelle  der  Leiden  angesehen,  obgleich  dem  in  Wahrheit  in  der
Regel  durchaus  nicht  so  war.  Weil  die  Gegner  des  Malthusianismus,  statt
            
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