Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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I.  Buch.  Production  und  Konsumtion.

sehen  muß.  Ja  auch  sehr  kostspielige  Güter  können  je  nach  Lage  der  Dinge
zur  Verwendung  kommen,  ohne  daß  ein  berechtigter  Tadel  erhoben  werden
dürste.  Besonders  aber  in  den  Fällen,  wo  das  Überflüssige  von  vielen
genossen  wird  und  vielen  zur  Freude  gereicht,  wie  bei  großen  Kirchenfesten
und  sonstigen  öffentlichen  Festen,  erscheint  die  Entfaltung  eines  gemessenen
Luxus  ganz  gerechtfertigt.  Dagegen  sind  der  Luxus  und  Ueberfluß  in
den  folgenden  Fällen  durchaus  tadelnswerth:  a)  wenn  sie  in  übermäßigem
Konsum  von  Speisen,  Getränken,  Tabak  u.  dgl.  bestehen;  b)  wenn  ein
Mißverhältniß  zwischen  den  darauf  verwendeten  Summen  und  dem  Einkommen ­
  der  betreffenden  Personen  besteht.  Es  kann  vorkommen,  das;  ein  und
derselbe  Genuß  für  ben  einen  ein  unerlaubter  Luxus,  für  einen  andern  hingegen ­
  etwas  durchaus  Standesgemäßes  ist.  Auch  darf  nicht  übersehen  werden,
daß  der  Begriff  des  Erlaubten  und  des  Unerlaubten  in  dieser  Hinsicht  dem
Wechsel  unterliegt  und  sich  nach  den  Zeiten  und  nach  den  verschiedenen  Ländern
ändert.  Wenn  es  vor  wenig  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert  in  deutschen
Landen  noch  etwas  Unerhörtes  war,  daß  weibliche  Dienstboten  einen  Hut
trugen,  so  wird  das  heutzutage  in  den  Städten  keiner  Magd  mehr  verargt
werden,  und  so  beklagenswerth  es  auch  ist,  daß  die  bäuerliche  Bevölkerung
unserer  Alpenländer  sich  immer  weniger  mit  selbstgefertigten  Stoffen  kleidet,
und  daß  diese  Stoffe  mehr  und  mehr  hinter  weniger  dauerhaften,  aber
nach  der  Mode  wechselnden  Fabrikwaren  zurücktreten,  so  wird  doch  niemand
einem  ländlichen  Dienstboten  unserer  Tage  einen  Vorwurf  daraus  machen,
wenn  er  sich  halb  städtisch  geschnittene  Kleidungsstücke  aus  Tuch  von  Fabriken
anfertigen  läßt.  Mit  dem  Steigen  der  Löhne,  dem  Wandel  der  Sitten  und
der  staatlichen  Zustände,  infolge  deren  fast  die  gesamte  männliche  Jugend
zum  Militärdienst  herangezogen  und  so  in  die  Städte  geführt  wird,  ist  eben
die  Tracht  eine  andere  geworden  und  sind  die  Ansprüche  des  Einzelnen  an
den  Lebensgenuß  gestiegen.  Wer  Hütte  noch  vor  hundert  Jahren  daran  gedacht,
daß  den  Töchtern  des  kleinern  Bürger-  und  Beamtenstandes  Klavierunterricht
ertheilt  werden  könnte!  Heutzutage  geschieht  dies  so  häufig,  daß  man  es  ganz
natürlich  findet.  Ferner  ist  der  Luxus  ein  tadelnswerther,  c)  wenn  ein  Mißverhältniß ­
  zwischen  dem  dafür  aufgewendeten  Gelde  und  dem  erzielten  Genuß
besteht.  Das  war  z.  B.  der  Fall,  wenn  die  Römer  Wein  tranken,  in  welchem
kostbare  Perlen  aufgelöst  waren.  Ebenso  sind  eitle  Prunksucht  und  lächerliche
Uebertreibungen  der  Mode  unter  allen  Umständen  tadelnswerth.  Ein  charakteristisches ­
  Beispiel  letzterer  Art  lieferten  die  von  den  eleganten  Männern  des
16.  Jahrhunderts  getragenen  Pluderhosen,  zu  deren  Anfertigung  eine  unglaubliche ­
  Menge  von  Stoff  verbraucht  wurde,  ohne  daß  diese  Tuch-  oder
Seidenmassen  zum  größten  Theile  dem  Auge  sichtbar  gewesen  wären.  Endlich
d)  muß  es  als  etwas  durchaus  Verwerfliches  bezeichnet  werden,  daß  gewisse
            
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