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I. Buch. Production und Konsumtion.
Unter den niedern Volkstlassen übt dagegen die Beschaffenheit der Woh
nungen einen mächtigen Einfluß im guten oder im schlimmen Sinne aus. Es wäre
ein idealer Zustand, wenn auch in diesen Bevölkerungskreisen eine jede Familie
im gesicherten Besitze eines gesunden, nicht zu engen und nicht mit Schulden
überlasteten Hauses stände und außerdem über so viel Land verfügte, daß sich
die Hausfrau, die alten Eltern und die Kinder mit dem Anbau von Gemüse
u. dgl., der Pflege von Hausthieren und gewissen andern häuslichen Ver
richtungen beschäftigen könnten. Die Erfahrungen der vergangenen wie der
gegenwärtigen Zeit beweisen, daß sich eine derartige Gestaltung der Wohnungs
verhältnisse wenigstens auf dem Lande recht wohl verwirklichen läßt. Die
Häuslerwohnungen der auf großen Gütern beschäftigten Arbeiter in ver
schiedenen Theilen Deutschlands und Oesterreichs legen davon Zeugniß ab,
daß sich in dieser Hinsicht ganz befriedigende Zustände schaffen lassen. Auch
viele Großindustrielle, deren Etablissements auf dem Lande liegen, haben zweck
entsprechende Arbeiterhäuser dieser Art erbaut, die sie entweder gegen mäßigen
Zins vermiethen oder gegen Ratenzahlungen zu Eigenthum überlasten. Bis
zu einem gewissen Grade wirkt auch schon die miethweise Jnnehabung solcher
Wohnungen, zumal wenn die Verträge auf längere Zeit geschlossen sind,
äußerst Vortheilhaft.
In den Städten liegt die Sache leider anders. Es ist eines der
schwierigsten Probleme unserer Tage, für die gewaltigen in unsern Großstädten
zusammengedrängten Menschenmassen geeignete Wohnungen zu beschaffen. Wir
haben bereits im 4. Kapitel auf diese Anhäufungen hingewiesen, hier ist nur
auf die traurigen Resultate derselben einzugehen. Die Existenz eng geballter,
schlecht ventilirter, übervölkerter Viertel ist in den großen Städten leider nichts
Neues. Es hat in denselben auch schon früher Straßen lind ganze Quartiere
gegeben, in denen das flirchtbarste Elend wie die äußerste sittliche Verdorben
heit hausten. Neu ist nur die gewaltige Ausdehnung solcher Leiden und die
Thatsache, daß sogar ein bedeutender Proccntsatz der Bewohner einer ihrer
Lebensstellung entsprechenden Wohnung entbehrt.
Die Wohnungsnoth hat eine physische, eine sittliche und eine finanzielle
Seite. Millionen von Familien in Deutschland, England, Frankreich, in den
Vereinigten Staaten und in vielen andern Ländern sehen sich gezwungen, in
ungesunden, schlecht gelüfteten oder gebauten, ungünstig gelegenen, engen und
unbequemen Wohnungen zu leben. Oftmals sind die bedaucrnswerthen Leute
genöthigt, so eng mit andern beisammen zu wohnen, daß sich ein geordnetes
Familienleben, Zucht und Sitte nur schwer aufrecht erhalten lassen, obgleich
diese Familien vielfach einen Miethspreis zahlen müssen, welcher mehr denn
20 °/ 0 ihrer gesamten Ausgaben ausmacht. Diese drei Uebel, ungesunde Be
schaffenheit und Ueberfüllung der Wohnungen und zu hohe Miethspreise,