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II. Buch. Der Güteraustausch.
als solche Normalpreise. Während die letztern als solche erscheinen, welche sich
infolge eines Gesetzes auf einer bestimmten Höhe erhalten, ist unter den erstem
nur das Ergebniß einer Anzahl von Thatsachen zu verstehen.
Ferner ist es unangemessen, mit I. Stuart Mill davon zu reden, daß
sich der Werth des Erträgnisses der Landwirtschaft nach den Kosten desjenigen
Theiles der angebotenen landwirtschaftlichen Produkte richte, dessen Production
und Transport auf die Verkaufsstelle die größten Kosten verursache. Wäre
es richtig, daß die höchsten Kosten den Preis bestimmten, so müßte das nicht
nur von den Erzeugnissen der Landwirtschaft, sondern auch von jenen der
Industrie gelten, da das Gesetz der abnehmenden Einträglichkeit und viele
andere die Preisdifferenzen bedingende Ursachen nicht nur auf dem Gebiete der
Agricultur, sondern auch auf demjenigen der Industrie wirksam sind. Dann
ist es aber auch deshalb irreführend, zu behaupten, daß die höchsten Kosten
den Preis bestimmen, weil sich die Kosten der Production zum Theil doch auch
nach dem Werth richten, den die zu producirenden Güter für die Konsumenten
haben. Muß doch jeder umsichtige Producent die Nachfrage berücksichtigen
und mit Rücksicht auf diese die Kosten seiner Erzeugnisse abmessen, wenn
anders er sich nicht der Gefahr aussetzen will, dieselben billiger verkaufen
zu müssen, als sie ihn zu stehen kommen.
Ganz besonders ist ein dritter Irrthum verbreitet, welcher sich schon im
Mittelalter von scholastischer Seite 1 vertreten findet, dann von Locke und später,
wenn auch nicht beständig, sondern nur mit Schwankungen, von Adam Smith
gelehrt und in der Folge von der Schule dieses letztern in England und über-
1 Siehe G. Ratzinger, Die Volkswirtschaft in ihren sittlichen Grundlage^
(Freiburg 1881) 226. Uebrigens würde man sehr irren, wenn man glauben wollte,
daß das wahre Wesen der Werthbildung von sämtlichen kirchlichen Schriftstellern de
Mittelalters verkannt worden wäre. Es hat unter denselben nicht an Männern geselsi '
welche sehr wohl erkannten, daß der Werth der Produkte nicht allein von der zu ihrer
Herstellung erforderlichen Arbeitsleistung, sondern zum guten Theile von dem Mķ
des Nutzens abhängt, welchen die Güter für die Consumenten haben. So äußert M
am Anfang des 14. Jahrhunderts Durand de St-Pourçain in seinen.Decisions
in Libr. Sententiarum 1 (Paris, de Roigny, 1550) lib. 4, dist. 25, qu. 3 (şi^
V. Brants Les Débuts de la science économique dans les écoles françaises *
Xllle et au XIV e siècles [Paris 1881] 60) wie folgt: .Labor operantis nunqu»^
cadit sub venditione, sed solum opus; emeus non emit plus propter laborem,
propter fructum operis, ad quern nihil facit labor operands.' Hier wird also
Nachfrage nach den Gütern, wie sie sich im Anschluß an das Maß des von densO '
für die Käufer hervorgebrachten Nutzens gestaltet, sogar einseitig betont, ohne daß
Herstellungskosten. unter denen die Entlohnung der Arbeit einen so großen Platz
nimmt, gebührend in Anschlag gebracht würden. Es kommen ja solche Uebertreibung
in der Polemik häufig genug vor. Siehe auch Julius Costa-Rossettr,
gemeine Grundlagen der Nationalökonomie (Freiburg 1888) 89—100.