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II. Buch. Der Güteraustausch.
Waren versorgen würde, die billiger und besser als die vom Auslande be
zogenen wären.
Die durch den internationalen Handel erzielten Gewinne fallen ver
schiedenen Bevölkerungskreisen zu. Tie Art und Weise ihrer Vertheilung ist
sehr verwickelt, und es läßt sich die Frage, wie viele Gruppen des Volkes a»
diesen Vortheilen theilhaben, nicht mit Bestimmtheit beantworten. Es kommt
viel darauf an, ob freier Mitbewerb oder Monopole, durch freies Ueberein-
kommen geregelte oder gesetzlich festgesetzte Preise bestehen. Im allgemeinen
kann man nur sagen, das; die Consumenten der importirten Waren und die
Producenten der exportirten Gegenstände sowie die Kaufleute und Transpor
teure aus dem Handel mit dem Auslande besondere Vortheile ziehen. Wirft
inan einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung dieser Verhältniffe, so wird
man gewahr, daß einer der größten der von einer Nation aus dem inter
nationalen Handel gezogenen Vortheile darin zu suchen ist, daß sich eine
Klasse energischer, umsichtiger Kaufleute heranbildete, welche zu Reichthum und
Einfluß gelangte. Die Geschichte der Republiken Venedig, Genua und Pif"?
der Hansastädte sowie der reichen Handelsstädte des flandrischen Mittelalters
itnb die mächtige Entfaltung des holländischen und englischen Handels liefern
in dieser Hinsicht Beispiele in Hülle und Füllet Hingegen muß jeder Ver
such, den Gewinn, welchen die Gesamtheit der Einwohner eines Landes ^
dem Handel mit dem Auslande zieht, genau berechnen zu wollen, als aussicht-
los bezeichnet werden. Dieser Gewinn hängt zum großen Theile von ^
Produktionskosten ab; letztere lassen sich aber, wie wir gesehen haben, nicht aus
Heller und Pfennig berechnen, um gar nicht davon zu reden, wie sich infolge de
1 Diese Entwicklung intellectueller und moralischer Eigenschaften, welche sich *
so manchen Handelsstaaten vollzogen hat, muß eifrigster Beachtung gewürdigt werde"-
Man vergegenwärtige sich z. B., daß sich in Venedig infolge der überseeischen Unter'
nehmungen, welche die Ausbreitung und die Sicherung der Handelsbeziehungen in &
Levante zum Zwecke hatten, eine staatskluge und kriegerische Aristokratie von
Tapferkeit bildete und bis gegen das Ende der Republik tüchtig und thatkräftig erhşş
Roch das 17. Jahrhundert war Zeuge der Heldenthaten, welche venetianische Rob^
während des fast zwanzigjährigen Kampfes vollbrachten, den ihre Vaterstadt »m
Insel Kreta mit den Türken führte. So hatte die Handelspolitik eine mindestens 500 3^
(1200 bis 1700) währende Entfaltung kriegerischer Tüchtigkeit und politischen
sinns gezeitigt, mit welchen eine großartige Begünstigung der schönen Künste Hand
Hand ging. Aehnliche Beispiele liefern auch die portugiesische und die Hollands
Geschichte, wenn auch die Blüthe dieser Länder von kürzerer Dauer war. Der Krieg
rühm Englands hingegen ist ältern Datums als die großartige HandelsentwickM^
dieses Landes. Die Entfaltung politischer Weisheit und Consequenz fällt aber 0 etö ^
in das 18. Jahrhundert, also mit dem Beginn des höchsten Handelsflors zusann"^
Auf den unter Umständen dem Frieden günstigen Einfluß des Welthandels ist
3. Kapitel dieses Buches hingewiesen worden.