Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 287 
verliefen. So ward die Bildnerei ein Bestandteil der Archi— 
tektur und im Stile dieser manieriert; es konnte so weit 
kommen, daß die Behandlung des Faltenwurfs als eine selb— 
ständige Aufgabe angesehen ward, die mit dem darunter 
lebenden Körper nur oberflächlich noch in Berührung stehe. 
Gegenüber diesem Verfall in volle architektonische Knecht⸗ 
schaft zeigte sich erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts 
von zwei Seiten her Rettung. Einmal schritt der künstlerische 
Geschmack von der bloßen statuarischen Haltung einzelner 
Figuren zu den Anfängen der Scenenbildung fort, nachdem 
schon seit den Tagen Ludwigs des Bayern wenigstens in 
Schwaben und am Oberrhein Motive und Formen des bürger⸗ 
lichen Lebens in die plastische Auffassung der Heiligenbilder 
übertragen worden waren und diese etwas lebendiger gestaltet 
hatten. Die Scenenbildung aber führte bei dem leidenschaft— 
lichen Empfinden der Zeit alsbald zu einer gewissen, wenn 
auch im einzelnen noch konventionell gehaltenen Dramatik der 
Bewegungen: und diese fügten sich nicht mehr völlig dem 
Schema der gotischen Vertikale. Noch wichtiger aber war es, 
daß man, vornehmlich in den Niederlanden, die bloße Stein— 
skulptur aufgab. Nirgends war freilich die altnationale Holz— 
bildnerei jemals ganz verlassen worden; auch in der romanischen 
Zeit hatte sie geblüht, das beweisen die zahlreichen Lindenholz⸗ 
kästchen der Kleinkunst und vereinzelte treffliche Denkmäler der 
Großkunst, so die ausgezeichneten Holzskulpturen aus der Thüringer 
Schule der romanischen Blütezeit in Wechselburg, im Großen— 
Garten⸗Museum zu Dresden und im Fornsal zu Wisby. Jetzt 
aber trat die Holzskulptur, mit Ausnahme von Schwaben, 
überall mehr oder minder mächtig hervor; und bald blühte sie 
besonders im Norden, der an plastischer Gestaltungskraft den 
Süden rasch übertraf. In den Niederlanden aber entfaltete 
sich außerdem immer bedeutender die Bronzeplastik, anfangs nur 
zum regen Export von Grabplatten, bald auch für einheimische 
größere Werke; und schon um 1380 fand diese Technik in den 
städtereichen Kolonialgebieten der Ostsee, zuvörderst in Lübeck, 
Nachahmung.
	        
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