250 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
eine durchgängige Gleichgültigkeit und Kälte in den persönlichen Beziehungen ver-
binden kann. —
Ebenso wie das Gemeinschaftsverhältnis sind auch das Rechts-, Macht-
und Kampfverhältnis ihrem Wesen nach Dauerverhältnisse.
Man kann deshalb ebenso wie bei der Gemeinschaft von einer ihnen je-
weils zugrundeliegenden Gesinnung sprechen. Voll zur Geltung
kommt diese natürlich nur da, wo das entsprechende Verhältnis in völlig
reiner Form auftritt, also nicht eingeschränkt ist in seiner Entfaltung
durch das gleichzeitige Vorhandensein eines anderen Verhältnisses, ins-
besondere des Gemeinschaftsverhältnisses. Wenn wir uns im folgenden
also unsere Verhältnisse in idealtypisch reiner Form vorstellen, so bedeu-
tet das: wir haben den Fall im Auge, daß die jeweils entsprechende Ge-
sinnung uneingeschränkt durch andere gleichzeitige Beziehungen zwi-
schen den beteiligten Personen voll zur Entfaltung kommt. Wenn wir
von einem Gegensag zwischen der Gemeinschaft und unseren Gesell-
schaftsverhältnissen sprechen, so ist dabei in erster Linie an den Gegen-
satz der voll entfalteten Gesinnung gedacht. — Die Gemeinschaftsgesin-
nung, sagten wir, existiert als ein Dauerzustand, und zwar ist bei ihr zu
unterscheiden zwischen einer unbewußten oder unbeachteten Dauerhal-
tung und einer Aktualisierung in den bewußten Gemeinschaftserlebnis-
sen. Dieselbe Unterscheidung gilt auch für unsere Verhältnisse. So
aktualisiert sich die Vertragsgesinnung mehr oder weniger bei jedem ein-
zelnen Erlebnis, das einen bestehenden Vertrag betrifft; außerhalb dieser
Aktualisierungen aber besteht sie ebenfalls dauernd, und zwar in der
Form einer Bewußtseinsfärbung, einer Ausdruckshaltung und gewisser
Dispositionen.
Das Auftreten der Rechts-, Kampf- und Machtverhältnisse schon innerhalb der Ge-
meinschaft könnte überraschen, sofern man von dem Gedanken ausginge: das Wesen
der Gemeinschaft besteht in einer engen Verbundenheit, während Rechts- und Kampf-
verhältnisse einen ausgesprochenen Gegensaß zu dieser Art Verbundenheit bedeuten.
Oder von einer anderen Seite her betrachtet: zum Wesen der Gemeinschaft gehört der
Wille zur Förderung, zum Wesen des Kampfes aber der Wille zu schädigen, und zum
Wesen des Machtverhältnisses (wenigstens in gewissen auch innerhalb der Gemeinschaft
möglichen Formen) der Wille zur Benachteiligung. Tatsächlich besteht jedoch, wie wir
schon gesehen haben, das Gemeinschaftsverhältnis stets nur in beschränkter Form,
indem es sich nur auf bestimmte Gegenstände bezieht. Es läßt also Spielraum für
oloße persönliche Angelegenheiten und damit für andere Beziehungen. Ebenso be-
steht die gegenseitige Hilfsbereitschaft nur in beschränktem Umfange, indem sie eben-
falls nur für bestimmte Situationen vorhanden ist ($ 32). Ferner bringen die Grup-
penangelegenheiten selbst unter Umständen das Bedürfnis nach einer Organisation
and Gliederung bei der Behandlung gemeinschaftlicher Aufgaben mit sich. Damit aber
treten Befugnisse und Einschränkungen und damit ein Rechts- und ein Machtverhältnis
auf; und ebenso kann schon in diesem Zusammenhang ein Kampf um den richtigen
Wer entstehen. —