5. Kap. Aufgabe und Methode der politischen Oekonomik.
475
seits alle technischen Details, das der Naturwissenschaft und der Psychologie
zu entnehmende Material, die Beispiele aus der Geschichte und der Statistik und
die Wahrscheinlichkeiten, daß die Menschen in gewiffer Hinsicht gewisse Hand-
lungsweisen beobachten werden, unter dem Namen der politischen Oekonomie
zusammenfaßte und dann andererseits alle ethischen Beziehungen, alles was zu
empfehlen lind für recht zu erklären, und alles was zu tadeln und zu ver
werfen ist, in ein besonderes System zusammenstellte und mit einem andern
Namen bezeichnete. Das wäre allerdings möglich, müßte sich aber als sehr
unpraktisch erweisen, indem man auf diese Weise die Schlußfolgerungen von
ihren Prämissen trennen würde. Man müßte ja, wenn man diesen Weg
einschlüge, gerade in dem Augenblick abbrechen, in welchem das gesamte zur
richtigen Beurtheilung unerläßliche Material gesammelt wäre.
Und so bleiben denn auch die, welche eine derartige Trennung befür
worten und sich vorgeblich nur mit dem thatsächlich Vorhandenen beschäftigen,
diesem ihrem Borsatze nicht treu. Auch sie begeben sich immer wieder auf
das ethische Gebiet. Das begegnet sowohl Senior und Mill als Roscher und
Walker. So schlagen diese Schriftsteller, wenn auch nur widerwillig, den
richtigen Weg ein; denn es ist nun einmal eine unläugbare Thatsache: wenn
Man die Erwägungen und Urtheile ethischer Natur mit den Beobachtungen
"nd Erfahrungen hinsichtlich der wirklichen Erscheinungen verwebt, so gibt
"wn weniger leicht irrige Theorien für Wahrheiten aus.
Ja schon die unter den unzählbaren uns umgebenden Thatsachen zu
treffende Auswahl derjenigen, welche wir beobachten wollen, hängt von den in
das Gebiet der allgemeinen Ethik fallenden leitenden Principien ab. Bloße
Thatsachen an sich sind ohne Werth; es kommt eben darauf an, daß es paffende,
einschlägige Thatsachen sind. Um aber beurtheilen zu können, welche That
sachen diese Natur besitzen, brauchen wir einen Leitfaden, der uns durch das
Labyrinth der Erscheinungen führt, und könnte es da nun einen bessern geben
als eine gesunde Philosophie? So wird man denn ohne eine gründliche Aus-
t'ildung in der Ethik den richtigen Weg nicht finden können.
Zweifellos haben ja die Anhänger der historischen Schule in vielen Be
gehungen vollkommen recht. Sie haben recht, wenn sie neu ausgedachte, der
Wahrheit nicht entsprechende Lohn-, Bevölkerungs-, Gewinn- u. s. w. Gesetze
"erwerfen. Sie haben ferner auch darin recht, daß sie, wie es einst der
ļll. Augustinus that, gegen gewisse engherzige Auffassungen, welche die Ge
wohnheiten und Institutionen der gesamten Menschheit nach denjenigen unserer
Zeit beurtheilen, Einspruch erheben. Es gereicht ihnen zum Ruhme, daß sie
Beobachtung des wirklichen Lebens zurückkehrten und den folgenden zwei
Worten des großen Aristoteles die Ehre gaben: ,Wenn man betreffs der sitt-
ļ'chen Handlungen die Wahrheit erkennen will, muß man vor allem beobachten,