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6. Kap. Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft.
trachten, und man hat auf gewisse Unterschiede, welche zwischen den Lehren
dieser und den von Adam Smith und seinen Schülern vertretenen Lehren
bestehen, einen übertriebenen Nachdruck gelegt.
Es bestehen ja ^allerdings zwischen den Physiokraten und den Anhängern
des Smith sch en Systems, welchem man auch zuweilen den Namen des
Indu st riesy stems gegeben hat, nicht unbeträchtliche Differenzpunkte. Die
erstem stützten sich auf die Thatsache, daß alle körperlichen Dinge durch die
Natur hervorgebracht und durch die Arbeit der Erde abgewonnen werden,
und mit Rücksicht darauf stellten sie die Behauptung auf, daß allein die Pro
duction von Rohstoffen durch menschliche Arbeit eine die Gütermasse ver
größernde Thätigkeit sei; die gewerbliche und industrielle Arbeit und die
commercielle Wirksamkeit brächten aber keine neuen Güter hervor, sondern er
höhten nur den Werth der Rohproducte um so viel, als sie die Konsumtion
anderer derartiger Produkte nöthig machten, und seien demnach von der Land
wirtschaft wesentlich verschieden, da diese letztere einen Ueberschuß der Erzeug
nisse über die aufgewandten Kosten, als freie Gabe der Natur, liefere. Adam
Smith (in seinem mehrfach citirten Werke über den Reichthum) und seine An
hänger lehrten aber das gerade Gegentheil. Sie behaupteten, und zwar mit
vollem Recht, daß nicht nur die Rohstoffproduction, sondern auch die Ver
arbeitung dieser Stoffe und somit nicht nur die landwirtschaftliche, sondern auch
die gewerbliche und die industrielle Thätigkeit sowie der Handel productiv seien.
Aber trotz dieses zwischen den beiden Systemen bestehenden principiellen
Unterschiedes bleibt es unbestreitbar, daß Adam Smith und seine Gesinnungs
genossen im wesentlichen auf dem Boden der Physiokraten standen. Nicht nur
einzelne Aussprüche, sondern ganze Paragraphen von Adam Smiths ,Wealth
of nations* sind beinahe wörtlich den Werken derselben und insbesondere
denjenigen Quesnays und Turgots entnommen; so z. B. die berühmten vier
Besteuerungsprincipien, die Ausführungen über die Arbeitstheilung, die Haupt-
lheile der Lehren vom Arbeitslöhne, vom Unternehmergewinn, vom natürlichen
Preise und vom Werthe. Man darf deshalb ohne Uebertreibung behaupten,
daß ein großer Theil der liberalen ökonomischen Doctrinen den Werken der
Physiokraten nicht nur seinen Ursprung, sondern sogar seine gegenwärtige
Gestalt verdankt 1 . Adam Smith hat demnach die physiokratischen Anschauungen
erschienen, und stellte mit humanitärer Begeisterung und bedeutendem Scharfsinn ein
vollständiges ökonomisches System auf. Unter den übrigen physiokratischen Werken
fft an erster Stelle das folgende zu nennen: A. R. J. Turgot, Recherches sur la
nature et l’origine des richesses (Paris 1774), das umgearbeitet unter dem Titel
.Réflexions sur la formation et la distribution des richesses' (Paris 1784) erschien.
1 Siehe E. Selig mon in .Political Science Quarterly', March 1889, p. 177
derselbe äußert sich ebb. 179 dahin: .Die Skizze der gesamten Abhandlungen A. Smiths
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