Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

483

6.  Kap.  Die  Geschichte  der  ökonomischen  Wissenschaft.
trachten,  und  man  hat  auf  gewisse  Unterschiede,  welche  zwischen  den  Lehren
dieser  und  den  von  Adam  Smith  und  seinen  Schülern  vertretenen  Lehren
bestehen,  einen  übertriebenen  Nachdruck  gelegt.
Es  bestehen  ja  ^allerdings  zwischen  den  Physiokraten  und  den  Anhängern
des  Smith  sch  en  Systems,  welchem  man  auch  zuweilen  den  Namen  des
Indu  st  riesy  stems  gegeben  hat,  nicht  unbeträchtliche  Differenzpunkte.  Die
erstem  stützten  sich  auf  die  Thatsache,  daß  alle  körperlichen  Dinge  durch  die
Natur  hervorgebracht  und  durch  die  Arbeit  der  Erde  abgewonnen  werden,
und  mit  Rücksicht  darauf  stellten  sie  die  Behauptung  auf,  daß  allein  die  Production ­
  von  Rohstoffen  durch  menschliche  Arbeit  eine  die  Gütermasse  vergrößernde ­
  Thätigkeit  sei;  die  gewerbliche  und  industrielle  Arbeit  und  die
commercielle  Wirksamkeit  brächten  aber  keine  neuen  Güter  hervor,  sondern  erhöhten ­
  nur  den  Werth  der  Rohproducte  um  so  viel,  als  sie  die  Konsumtion
anderer  derartiger  Produkte  nöthig  machten,  und  seien  demnach  von  der  Landwirtschaft ­
  wesentlich  verschieden,  da  diese  letztere  einen  Ueberschuß  der  Erzeugnisse ­
  über  die  aufgewandten  Kosten,  als  freie  Gabe  der  Natur,  liefere.  Adam
Smith  (in  seinem  mehrfach  citirten  Werke  über  den  Reichthum)  und  seine  Anhänger ­
  lehrten  aber  das  gerade  Gegentheil.  Sie  behaupteten,  und  zwar  mit
vollem  Recht,  daß  nicht  nur  die  Rohstoffproduction,  sondern  auch  die  Verarbeitung ­
  dieser  Stoffe  und  somit  nicht  nur  die  landwirtschaftliche,  sondern  auch
die  gewerbliche  und  die  industrielle  Thätigkeit  sowie  der  Handel  productiv  seien.
Aber  trotz  dieses  zwischen  den  beiden  Systemen  bestehenden  principiellen
Unterschiedes  bleibt  es  unbestreitbar,  daß  Adam  Smith  und  seine  Gesinnungsgenossen ­
  im  wesentlichen  auf  dem  Boden  der  Physiokraten  standen.  Nicht  nur
einzelne  Aussprüche,  sondern  ganze  Paragraphen  von  Adam  Smiths  ,Wealth
of  nations*  sind  beinahe  wörtlich  den  Werken  derselben  und  insbesondere
denjenigen  Quesnays  und  Turgots  entnommen;  so  z.  B.  die  berühmten  vier
Besteuerungsprincipien,  die  Ausführungen  über  die  Arbeitstheilung,  die  Hauptlheile
  der  Lehren  vom  Arbeitslöhne,  vom  Unternehmergewinn,  vom  natürlichen
Preise  und  vom  Werthe.  Man  darf  deshalb  ohne  Uebertreibung  behaupten,
daß  ein  großer  Theil  der  liberalen  ökonomischen  Doctrinen  den  Werken  der
Physiokraten  nicht  nur  seinen  Ursprung,  sondern  sogar  seine  gegenwärtige
Gestalt  verdankt 1 .  Adam  Smith  hat  demnach  die  physiokratischen  Anschauungen
erschienen,  und  stellte  mit  humanitärer  Begeisterung  und  bedeutendem  Scharfsinn  ein
vollständiges  ökonomisches  System  auf.  Unter  den  übrigen  physiokratischen  Werken
fft  an  erster  Stelle  das  folgende  zu  nennen:  A.  R.  J.  Turgot,  Recherches  sur  la
nature  et  l’origine  des  richesses  (Paris  1774),  das  umgearbeitet  unter  dem  Titel
.Réflexions  sur  la  formation  et  la  distribution  des  richesses'  (Paris  1784)  erschien.
1  Siehe  E.  Selig  mon  in  .Political  Science  Quarterly',  March  1889,  p.  177
derselbe  äußert  sich  ebb.  179  dahin:  .Die  Skizze  der  gesamten  Abhandlungen  A.  Smiths
31  *
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.