Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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6.  Kap.  Die  Geschichte  der  ökonomischen  Wiffenschaft.
(der  Cartellbildung)  nur  einen  Specialfall  der  ganzen  Entwicklung.  Je  mehr
sich  die  Unternehmen  vergrößern,  desto  mehr  nehmen  sie  einen  halböffentlichen
Charakter  an.  Das  ist  kein  Unglück.  Der  sich  entwickelnde  Zustand  wird  ein  Mittelweg ­
  sein  zwischen  der  privatkapitalistischen  Wirtschaft  und  dem  Socialismus?
Von  der  historischen  Schule  durch  einen  bedeutenden,  aber  nicht  unüberwindlichen ­
  Gegensatz  verschieden  ist  die  sogen,  analytische  oder  Psychologische, ­
  welche  auch  die  österreichische  genannt  wird,  weil  ihre  hauptsächlichsten ­
  Repräsentanten,  Karl  Menger*  und  E.  v.  Böhm-Bawerk?,
Oesterreich  angehören.  Ihre  Anhänger  gehen  von  den  folgenden  Erwägungen
aus:  So  viele  Erhebungen  man  auch  bezüglich  der  verschiedenartigen  Verhältnisse ­
  des  menschlichen  Wirtschaftslebens  anstellen  mag,  zu  vollständigen
Resultaten  wird  man  durch  solche  allein  niemals  gelangen.  Das  Ergebniß
der  an  einem  Orte  angestellten  Beobachtungen  läßt  uns  noch  keinen  sichern
Schluß  darauf  ziehen,  daß  an  einem  andern  Orte  die  gleichen  Verhältniffe  bestehen. ­
  Wie  aber  wäre  es  möglich,  die  an  allen  Orten  und  zu  allen  Zeiten
bestandenen  und  noch  bestehenden  Verhältniffe  genügend  zu  erforschen?  Wäre
es  also  nicht  besser,  den  innern  Triebfedern,  welche  im  Schoße  der  menschlichen ­
  Gesellschaft  beständig  wirksam  sind,  seine  Aufmerksamkeit  zuzuwenden?
Würde  inan  auf  diese  Weise  nicht  zu  allgemeinern  und  vollständigem  Resultaten ­
  gelangen?  Welche  andern  bestimmenden  Triebfedern  des  wirtschaftlichen
Lebens  existiren  denn  außer  den  Menschen?  Bestimmen  nicht  sie  den  Lauf
desselben?  Ist  es  also  nicht  bester,  den  menschlichen  Gedanken  und  Willensrichtungen ­
  selbst  nachzuforschen,  als  von  der  Handlungsweise  der  Menschen
Schlüffe  auf  deren  Geistes-  und  Gemüthsrichtung  zu  ziehen?
Diese  Methode  ist  demnach  ebenso  positiv  wie  die  historische.  Auch  sie
bringt  die  systematische  Beobachtung  zur  Anwendung,  nur  beschäftigt  sie  sich
zunächst  mit  innern  Erscheinungen,  mit  Gedanken  und  Gefühlen,  und  ist  dem
zufolge  psychologischer  Natur.  Während  die  historische  Methode  allgemeine,
die  Gestaltung  der  menschlichen  Gesellschaft  bestimmende  Gesetze  nur  dann  gelten
lassen  will,  wenn  dieselben  als  Endresultat  ihrer  Forschungen  erscheinen,  geht
bie  psychologische  von  der  Proclamirung  solcher  Gesetze  aus.  Sie  will  sich

'  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre.  1.  Theil.  Wien  1872;  Untersuchungen
Uber  die  Methode  der  Socialwissenschaften  und  der  politischen  Oekonomie.  Leipzig  1883  ;
Irrthümer  des  Historismus  in  der  deutschen  Nationalökonomie.  Wien  1884.
^  *  Rechte  und  Verhältnisse  vom  Standpunkte  der  volkswirtschaftlichen  Güterlehre.
Innsbruck  1884;  Kapital  und  Kapitalzins.  l.  u.  II.  Bd.,  ebd.  1884  u.  1889.  —  Auf
dem  Boden  der  Anschauungen  der  analytischen  Schule  steht  auch  der  englische  Gelehrte
Alfred  Marshall  in  seinen  .Principles  of  Economics',  deren  erster  1890  in  London
erschienene  Band  alsbald  eine  zweite  Auflage  erlebte  und  in  die  meisten  Cultursprachen ­
  übersetzt  wurde.
            
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