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Die Gruppe.
schaften und ihren Charakter, ihre Moral und ihre Werte, ferner ihre
Schicksale, Interessen und Ziele ganz wie ein einzelner Mensch. Jede
Gruppe ist so ein Eigenwesen und hat auch ein Eigenleben
im Sinne. einer Individualität,/) Die Sprache des täglichen Lebens läßt ein
Regiment wie einen Menschen fühlen und handeln, sie spricht von der
Einheit des russischen Staates unter dem Bilde des russischen Bären in
der entsprechenden Weise und gewährt sogar den einfachsten Vereinen
dieses persönliche Wesen. Kjellen drückt diesen Sachverhalt treffend mit
Jen Worten aus: „Staaten sprechen und handeln, halten zusammen Kon-
greßsigungen ab und bekämpfen einander auf Schlachtfeldern, beneiden
und hassen sich gegenseitig oder sympathisieren miteinander, verführen
oder fliehen einander, unterstüßen oder vernichten einander wie andere
lebende Wesen in einer Gemeinschaft‘“!). Diese Ausdrucksweise bedeutet
mehr als ein bloßes Bild. Die Geisteswissenschaften haben die in ihr
enthaltene populäre und ursprüngliche Auffassungsweise nicht nur bei-
behalten, sondern erst recht vertieft und uns in Staaten und Völkern
sowie in ihren Institutionen und geistigen Schöpfungen historische In-
dividualitäten mit ihrem jeweiligen Wertgehalt erfassen gelehrt. Gelebt
wird dieses Eigenleben natürlich von den die Gruppe repräsentierenden
Individuen, aber diese treten dabei in einen objektiven kausalen Zu-
sammenhang ein und bewegen sich in ihm. Sie verkörpern dabei den
Geist der Gruppe in sich.
Eine besondere Stellung nehmen dabei die Organe ein, die in
allen entwickelteren Gesellschaften zur Verwirklichung ihrer Zwecke vor-
handen sind. Sie verkörpern den Geist der Gruppe in sich. Sie denken,
fühlen und handeln als verkörperte Gruppe, nicht als einfache Indivi-
duen. Es ist keinerlei mystischer Tatbestand mit dieser Wendung gemeint.
Es soll nur gesagt sein: in subjektiver Hinsicht betrachtet stehen sie in
Ichverbundenheit (d. h. in Gemeinschaftsbewußtsein) zu der Gruppe als
Ganzem; und objektiv ist ihr Verhalten, soweit sie eben als Organe und
nicht als Privatpersonen tätig sind, durch die jeweiligen Interessen, Ziele,
Überlieferungen und Sorgen der Gruppe wesentlich bestimmt. Jeder
Beamte handelt so aus dem Geist seines Amtes heraus, jeder Gelehrte
and Künstler aus den Zweckzusammenhängen und den geltenden Normen
und Anschauungen seines Berufes heraus. Simmel sagt einmal (Sozio-
logie! S. 511), von der Loyalität: sie „gilt einem Sozial-Überpersönlichen,
das doch in der Form einer vollen Persönlichkeit lebt ... aber auch einer
Persönlichkeit, nicht weil sie diese Persönlichkeit ist, sondern weil sie
gleichsam eine endliche Strecke des an sich unendlichen Lebens der Gruppe
bezeichnet, das der eigentliche Gegenstand dieser Verehrung ist“. In
a 1) Rudolf Kjelle&n, Der Staat als Lebensform, 2. Aufl. S. 35.