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Die katholischen und verwandten Richtungen
schammgen auf „die Autorität des Evangeliums und die reinen
Überlieferungen der Religion der Schwachen und Bedrückten“ *).
Gewiß war bei dem Unterfangen, Christentum und kommu
nistische Lösung des wirtschaftlichen Verteilungsproblems zu
identifizieren, ein gut Stück Mystizismus, romantischer Sentimen
talität und Iliuminatentums. Nichtsdestoweniger liegt der Idee
der Zusammengehörigkeit von Christentum und Sozialismus ein
wahrer Kern zugrunde und man wird E. de Laveleye recht geben
müssen, wenn er urteilt: „Was auch die Gegner des Christen
tums dazu sagen mögen, die Emanzipationsbewegung der unteren
Klassen, welche nach und nach die Sklaverei und die Leib
eigenschaft überwand und welche dem Grundsatz der Gleichheit
aller Menschen in der amerikanischen und in der französischen
Revolution zum Siege verbals, ist unstreitig dem Evangelium
entsprungen. Alles, was geschieht, um die Lage der wirtschaft
lich Schwachen zu heben und das Los der Armen zu bessern,
entspricht den Lehren Christi; so geht auch offenbar der
Sozialismus in seiner allgemeinen Tendenz und insofern er, um
mit St. Simon zu reden, weiter nichts als „die Besserung der
sittlichen, intellektuellen und materiellen Lage der Massen“ an
strebt, aus dem Christentum hervor“ 2 ).
Wenn nun auch manche sozialistische Neuerer der be
sprochenen Periode sich auf das Christentum als die Quelle und
die Grundlage ihrer Anschauungen beriefen, und wenn 1848
von der Pariser Arbeiterbevölkerung jedem Sozialismus ein
christlicher Anstrich gegeben wurde, so interessieren uns hier
als Vorläufer der Schulen de Muns und Naudets doch nur
diejenigen Sozialisten, welche auf dem Boden des offiziellen
Christentums: der katholischen Kirche standen.
Als solcher ist zunächst Bûchez 3 ) zu nennen. Bûchez
L’Idée de l’Etat, Paris 1896, p. 248 ff., und bei Gaston Isambert, Les Idées
socialistes en France de 1815 à 1848, p. 298 ff.
i) Considérant, Le Socialisme devant le vieux monde ou le vivant devant
les morts, 2. Ausi., Paris 1849, p. 212.
3 ) E. de Laveleye, Le Socialisme Contemporain, 11. Ausi. 1902, p. 137—138.
3 ) Philippe Bûchez (1796—1865) Introduction à la science de l’histoire,
1833, 2. Aufl. 1842 ; Histoire de la nationalité française, 1859 ; Traité de la
politique et de la science sociale, 1866. Mit Roux-Lavergne gab Bûchez eine
Histoire parlamentaire de la Révolution française heraus (1833—1838, 40 Bde.),
zu welcher er nicht weniger als 33 Einleitungen schrieb.