Weltanschauung.
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erkenntnistheoretischen Anschauungen, die aus diesem Seelen—
leben hervorgehen und seinen eigenartigen Bedürfnissen gerecht
werden. So solgt die Wissenschaft auch dem Charakter
der Reizsamkeit, sobald dieser die Zeit wirklich beherrscht.
Daß dies aber heute der Fall ist, das ist an allen anderen
großen seelischen Erscheinungen erwiesen. Und es läßt sich auch
aus dem Zusammenhange der sogenannten materiellen Kultur
mit der sogenannten geistigen erweisen. Werden wir noch im
Zweifel sein, daß die Reizsamkeit vornehmlich der modernen
Erweiterung des Weltbildes und der außerordentlichen Steige—
rung der Beziehungen der Einzelpersönlichkeit in alle Welt
hinein, also sogenannten materiellen Momenten verdankt
vird? Die Erweiterung dieser Beziehungen aber dauert fort,
wenn sie sich nicht gar noch verstärkt: und so fährt sie
fort, im gleichen Sinne zu wirken. Das einzige, was sich
neuerdings vielleicht verändert hat, ist unser subjektives Ver—
halten zur Reizsamkeit. Wir empfinden sie jetzt nicht mehr
als etwas Neues, sie stört in uns nicht mehr ältere, ihr ent—
gegenstehende Associationsreihen, weil diese inzwischen abgestorben
sind: wir haben sie in uns aufgenommen, wir haben uns
ihr geistig akklimatisiert. Auf diesem Nährboden aber erwächst
auch die neue Wissenschaft. Es ist in dieser Hinsicht bekannt,
daß die von den Jüngern der Naturwissenschaft heute verlangte
Fähigkeit der Aufnahme äußerer Eindrücke anfangs meist
iervös macht, und daß zu ihrer ständigen Bethätigung eine
gewisse Reizsamkeit vorhanden sein muß. Und die Geistes⸗
wissenschaften haben eine Wendung zu psychologischen Unter—
suchungen genommen, die auch die sogenannten unteren Gebiete
des Seelenlebens mit ins Auge faßt und hier ohne stärkste
Anspannung der Fähigkeiten zur Aufnahme leicht verwischbarer
seelischer Eindrücke nicht mehr durchgeführt werden kann. So
Auf die Beziehungen der Kulturzweige der Selbstherrlichkeit
(Sitte, Recht, Wissenschaft, Gesellschaft, Staat) zu denen des Selbstbewußt—
seins (Phantasiethätigkeit, Denken) wird in dem zweiten Ergänzungsbande
zenauer einzugehen sein; und zwar auf Grund einer idealistischen Auf—
fassung der Wirtschaftsentwicklung.
Kamprecht. Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. i