Full text : Geschichte des Zentralverbandes der Stickerei-Industrie der Ostschweiz und des Vorarlbergs und ihre wirthschafts- und sozialpolitischen Ergebnisse

•  Kartellprogramm  vor,  das  vermöge  der  Knappheit  und  Berechtignng
  seiner  Forderungen  einen  guten  Eindruck  machte.
Dasselbe  verlangte  die  Gewährung  eines  Minimaltohnes  für
die  Fabriksticker  von  20  Cts.  Per  100  Stich  für  e / 4  und
2o  Cts.  für  4 /4,  ferner  Regelung  des  Abzngswesens  und  der
Retvnrwaaren  für  die  Fabriksticker  unter  Schutz  des  Gesammtverbandes,
  ebenso  des  Nachstickwesens  und  eine  gemeinsame
Regelung  der  Lehrlingsfrage.  Ferner  wurde  gefordert,  daß  die
Verbandsfabrikanten  nur  noch  Mitglieder  des  Fabrikstickerverbandes ­
  in  Arbeit  nehmen,  während  umgekehrt  dessen  Mitglieder ­
  sich  verpflichtet  hätten,  nur  Verbandsfabrikanten  zu
arbeiten.  Die  letztere  Forderung,  an  sich  durchaus  berechtiget,
war  dadurch  unannehmbar,  weil  es  so  zu  sagen  keine  Nicht-Verbandsfabrikanten
  gab,  während  anderseits  drei  Viertheile
der  Fabriksticker  noch  außer  dem  Verbände  derselben  standen.
Das  Zentralkomite  ging  nun  zunächst  an  die  Vornahme
einer  Enquete  über  die  Lage  der  Fabriksticker.  Dieselbe  förderte
bedenkliche  Resultate  zu  Tage.  Es  zeigte  sich,  daß  eine  große
Zahl  Fabrikanten  die  Wohlthaten,  welche  der  Verband  den
Arbeitnehmern  gewährt  hatte,  ruhig  in  die  eigene  Tasche
steckte,  ohne  ihren  eigenen  Arbeitern  auch  nur  den  kleinsten
Brnchtheil  davon  zukommen  zu  lassen.  An  der  Versammlung
der  Kansmannschaft  vom  4.  September  1889  machten  die
Vertreter  des  Zentralkomite  Mittheilungen  liber  die  Lage  der
Fabriksticker.  Es  wurde  zliiil  Theil  die  reine  Willkür  im  Lohnwesen
  konstatirt  und  Lohnverhältnisse,  bei  welchen  eine  Existenz
nicht  mehr  möglich  lvar.  Nicht  besser  staub  es  mit  dem  Abzugslvesen
  und  den  Retourwaaren  in  einer  Anzahl  von  Fabriken,
wo  die  Willkür  womöglich  noch  ärger  war  iinb  der  arme
Teufel  von  Sticker  oft  in  die  Lage  kam,  den  Schaden  dafür
tragen  zu  müssen,  weil  sein  Arbeitgeber  in  der  Stickerei  ein
Ignorant  war.  Es  wurde  wieder  einmal  konstatirt,  daß  die
Lage  des  Fabrikstickers  um  so  elender  war,  je  iveniger  der
Fabrikant  Anspruch  ans  den  Titel  eines  tüchtigen  Fachmaimes
            
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