90 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. 548
In dem zeitweiligen Verschwinden des einen Metalls im einzelnen Lande sieht er eine
gleichgültige Nebensache; er sagt, wenn die Doppelwährung nicht in Frankreich und
inderwärts bestanden und gewirkt hätte, so wäre mit der großen Goldproduktion von
1850 an eine beklagenswerte Verdoppelung aller Preife entstanden; wenn einst in der
ganzen Welt allein Goldwährung bestünde, so würde jede Einschränkung oder Aus—
dehnung der Goldproduktion furchtbare Preiskrisen erzeugen.
Wolowski hat sicher recht, daß ein nationales oder internationales Nebeneinander—
bestehen der Gold- und Silbercirkulation unter Umständen ausgleichend auf die Wert—
relation in der Weltwirtschaft wirken kann, und es ist wahrscheinlich, daß die preis—
steigernde Wirkung des kalifornisch-australischen Goldes 1830 — 70 durch das französische
Doppelwährungssystem abgeschwächt wurde. Aber es ist falsch, anzunehmen, die Doppel—
währung mit sreier Prägung beider Metalle werde solche günstige Wirkung jederzeit,
überall, bei allen Veränderungen in den Produktionskosten und den Produktionsmengen
haben. Die Sorge in Bezug auf den Sieg der Goldwährung auf der ganzen Erde ist
praktisch gegenstandslos, da in absehbarer Zeit nur die reichen Staaten Gold-, die
ärmeren Silber- oder Papierwährung haben werden.
Eine Begünstigung der Schuldner durch die staatliche Politik kann gegenüber
b estimmten socialen Klafsen zeitweise und in fest normierter Weise angezeigt und gerecht
sein; schlechtweg für alle Schuldner durch eine staatliche Währungspolitik eine Be—
günstigung einführen, die zeitlich und dem Umfang nach von den Schwankungen des
Weltmarktes abhängig ist, heißt eine grobe Ungerechtigkeit begehen und die Maßregel
überdies dem Zufall preisgeben. Und wenn Wolowski mit der Doppelwährung auf die
Stabilität des Geldwertes hofft, daneben aber die Agioschwankungen derselben ganz ignoriert,
so heißt das, das sichere Naheliegende über dem unsicheren Fernen vergessen. Das
Schwanken des Kurswertes der Münzen und der ewige Wechsel zwischen Gold- und
Silbereirkulation ist praktisch schlimmer und viel sicherer als die Geldwertsänderungen,
die er von der reinen Goldwährung fürchtet.
Die späteren Bimetallisten haben dies auch in gewissem Sinne anerkannt;
ihr Ziel geht dahin, durch internationale Währungsverträge der Kulturstaaten gerade
eine Stabilität der Wertrelation herbeizuführen. Sie geben zu, daß jede nationale
Doppelwährung schädlich wirke; sie glauben, daß wenn die großen wirtschaftlich ent—
vickeltsten Staaten ihren Gold- und Silbermünzen einen Nennwert auf Grundlage einer
sesten vertragsmäßigen Wertrelation beilegen und stets frei beide Münzarten prägen
lassen, die so angeblich stabilisierte Nachfrage für Münzzwecke genüge, die Wertrelation
dauernd und gleichmäßig ausf 1: 15 oder 1: 20 oder wenigstens 1: 80 zu erhalten.
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weiteres Sinken desselben hindern. Sie glauben damit zu der Währungspolitik zurück—
zukommen, die seit 3000 Jahren das Wohl der wirtschaftlich hochstehenden Staaten
ausgemacht habe; sie glauben damit am sichersten eine Stabilität des Geldwertes im
großen und ganzen, jedenfalls eher eine Geldentwertung (Steigerung der Preise), als
eine Geldverteuerung (Sinken der Preise) zu erreichen. Und letzteres fürchten sie am
neisten; die niedrigen Preise im Großhandel von 1875—95 führen sie auf die Gold—
vährung, die Silberdemonetisierung, die zu geringe Menge cirkulierender Münzen zurück.
Auf das erstere, auf eine künstliche Steigerung der Preise durch eine stärkere Geld—
cirkulation rechnen viele der Bimetallisten und sehen kein anderes Mittel hiefür als
die freie Silber- neben der Goldyrägung. Alle hoffen mit der inlernationalen Doppel—
währung, deren immer weitere Ausbreitung sie erwarten, die Handelsbeziehungen
wwischen den heutigen Gold- und Silberländern, die heute allerdings unter der Ver—
schiebung der Wertrelation zeitweise leiden, zu einer sehr viel besseren zu gestalten, den
Erport der Goldländer nach den Silberländern zu erleichtern. Ein Teil der Bimetallisten
sieht auch in der geringeren Rentabilität der Silberbergwerke ein Unglück, das man
beseitigen müsse.
Der theoretische Grundgedanke der Bimetallisten ist ähnlich wie der der Münz—
cheoretiker vergangener Zeiten: „der Staat gebe dem Edelmetall überhaupt erst seinen