Full text : Der Zukunftsstaat und die Lösung der socialen Frage

88

rapiden  Zunahme  der  Bevölkerung  Deutschlands,  mit  welcher  das
Wachsthum  an  Arbeitskräften  gleichen  Schritt  hält,  wird  es  immer
schwieriger,  alle  Arbeitsangebote  allezeit  zu  berücksichtigen.  Die
Bevölkerung  des  deutschen  Reichs  wächst  durchschnittlich  jährlich  um
eine  halbe  Million  und  es  müssen  schon  jetzt  Hunderttansende
lvegen  Arbeitsmangel  auf  öffentliche  Kosten  erhalten  werden.  Diese
sociale  Noth,  das  wirthschaftliche  Elend,  Pauperismus  und  Vagabundenthum
  würde  noch  größer  sein,  wenn  nicht  ein  beträchtlicher
Theil  der  überschüssigen  Arbeitskräfte  durch  fortwährende  Auswanderung
  in  Abgang  käme.
Daß  nämlich  der  Deutsche  von  jeher  ein  Zugvogel  war,  beruht
nur  zum  Theil  auf  seinem  angeborener,  Wandertriebe  und  seiner
Träumersehnsucht  nach  der  poetischen  Ferne.  Eine  große  Rolle
spielt  dabei,  wie  wir  wissen,  die  harte  Nothwendigkeit.  Wenn  der
karge  Boden  für  den  Bevölkerungsüberschuß  keine  Nahrung  mehr
darbot,  dann  war  auch  in  alter  Zeit  die  Auswanderung  ein  bitteres
Muß;  die  Eulturhistoriker  sind  darüber  einig,  daß  die  früheren
germanischen  Wanderzüge  sowohl  für  Europa,  wie  auch  neuerdings
für  Amerika  heilsame  Cultnrmärsche  waren,  ja  daß  die  Civilisation ­
  der  christlichen  Völker  ihre  besten,  stärksten  und  gesundesten
Triebe  den  reichlichen  germanischen  Impfstoffen  verdankt.  Wie  ein
kraftvoller,  edelherziger,  genialer  Mensch  das,  was  er  der  Gesellschaft ­
  giebt,  nicht  abhängig  macht  von  dem,  was  er  empfängt:  so
hat  auch  der  deuffche  Geist  nie  kleinlich  abgewogen,  ob  er  das,
was  er  andern  Völkern  und  Ländern  gab,  voll  ersetzt  erhielt.
Damit  begann  bei  den  Deutschen  aber  der  berechtigte  Nationalstolz
zu  sinken,  um  einer  Art  Nationaldemuth  Platz  zu  machen.  Sie  ist
glücklicherweise  einer  Wiedergeburt  und  Gesundung  gewichen  —  und
nun  lernen  wir  auch  über  die  Auswanderung  anders  denken.
Denn  der  sociale,  politische  und  wirthschaftliche  Nutzen  unserer
Auswanderung  in  ihrem  gegenwärtigen  Zustande  wird  durch  die
enormen  Verluste,  welche  durch  dieselbe  Deutschland  in  wirthschaftlicher,
  geistiger  und  pekuniärer  Beziehung  zugefügt  werden,  weit
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.