Object : Die Arbeiterfrage in der Südrussischen Landwirtschaft

172

bekommen  hofften.  Desto  grösser  war  die  Enttäuschung,  als  sich  herausstellte, ­
  dass  dieses  Jahr  von  solchen  Arbeiten  überhaupt  keine  Rede  war.
Viele  mussten  zurückkehren,  aber  noch  viel  mehr  konnten  es  nicht,
da  sie  keine  Mittel  mehr  dazu  hatten.  Sie  mussten  sich  zu  Feldarbeiten ­
  verdingen,  und  so  wurden  die  Arbeitermärkte  überfüllt.  Die
Arbeitslöhne  fielen  bedeutend  und  die  Wanderarbeiter  kehrten  mit  sehr
geringem  Verdienst  nach  Hause  zurück.  ')
Die  Bauern  sind  in  den  Gegenden,  wo  sie  keine  Aussicht  auf  guten
Verdienst  haben,  sehr  leichtgläubig  und  verlassen  sich  auf  jedes  unkontrollierbare ­
  Gerücht.  «Das  übliche  Misstrauen  des  Bauern  fällt  weg,»
sagt  Schachowsky,  «wenn  er  zufällig  hört,  dass  in  irgend  einer  Gegend
im  Süden  eine  grosse  Nachfrage  nach  Arbeitern  entstanden  ist  und  dass
die  Löhne  enorm  hoch  stehen.  Ganze  Dörfer  rüsten  sich  zum  Wandern
und  schenken  widersprechenden  Mitteilungen  kein  Vertrauen.»-)
ln  den  Jahren  der  Missernte  stellt  sich  ein  grosser  Ueberschuss  an
Arbeitskräften  heraus  und  die  Wanderarbeiter  sind  bereit,  sich  auch  nur
gegen  Kost  zu  verdingen.  In  den  Jahren  einer  guten  Ernte  dagegen
stehen  die  Löhne  zuerst  ziemlich  hoch,  da  aber  immer  neue  Gruppen
von  Wanderarbeitern  Zuströmen  und  auch  das  städtische  Gesinde  sich
zu  Feldarbeiten  verdingt,  auch  Knechte,  Köchinnen,  Handlanger  —■  wer
nur  immer  seine  frühere  Stelle  verlassen  kann  —,  so  fallen  die  Löhne
oft  auch  in  günstigen  Jahren.  Oft  kommt  es  vor,  dass  die  Löhne  aus
irgend  welchen  Gründen  etwas  niedrig  stehen.  Auf  einmal  wird  das  Gerücht ­
  verbreitet,  dass  in  einigen  Nachbargegenden  eine  grosse  Nachfrage
nach  Arbeitskräften  vorhanden  ist,  und  die  Arbeiter  beeilen  sich,  dorthin
zu  kommen.  Das  Gerücht  aber  war  falsch,  und  in  der  Gegend,  von
der  die  Arbeiter  fortzogen,  entsteht  ihrer  Abwanderung  wegen  ein  Mangel
an  Arbeitskräften,  und  die  Löhne  steigen.
So  schwankend  und  unsicher  ist  die  Lage  der  "Wanderarbeiter  in
den  neurussischen  Gouvernements.  Mehrere  Wochen  liegen  sie  auf  den
Marktplätzen  in  der  Hoffnung,  Arbeit  unter  günstigen  Bedingungen  zu
finden.  Oft  aber  kommt  es  vor,  dass  sie  die  richtige  Zeit  verpassen.
Es  ist  leicht  zu  sehen,  dass  unter  solchen  Umständen  bei  den  Arbeitern
Niedergeschlagenheit,  Verzweiflung  und  der  Wunsch,  unter  allen  Umständen ­
  sich  Arbeit  zu  verschaffen,  keimt.  Jeder  neue  Konkurrent  wird
sehr  unfreundlich  aufgenommen,  und  oft  kommt  es  vor,  dass  zwischen  den
neu  angekommenen  und  den  früher  gekommenen  arbeitslosen  Arbeitern

')  Ibid  S.  32.
2)  Ibid  S.  32.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.