Full text : Lebenserinnerungen

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Jahres  gefeiert  wurde.  Um  2.  Januar  aber  wurde  mein  Bruder
schwer  krank,  und  schon  am  7.  erfolgte  der  Tod.  Ich  selbst  habe  die
Lrlebnisse  mit  vollem  Bewußtsein  erlebt,  sie  sind  mir  heute  noch
genau  so  gegenwärtig  wie  damals.  Lief  traf  dieser  Verlust  des
blühenden  und  schönen  Kindes  meine  Litern.  Lr  hat  den  unsicheren
gefundheitszustand  meines  Vaters  schwer  erschüttert.  Zur  Lrholung
sollten  wir  drei  das  Leebad  Norderney  besuchen,  von  einem
Kinderfest  wurde  ich  dort  heimgeholt,  und  es  wurde  mir  mitgeteilt, ­
  daß  mein  Vater  gestorben  fei.  Die  Leiche  wurde  im  Wagen
durch  das  Watt  nach  Üurich  überführt  und  dort  bestattet.  5o  kam
es  über  meine  arme  Mutter  wie  eine  Lturmflut  von  Leiden.  Uber
so  tief  sie  das  alles  empfand,  und  so  schmerzlich  sie  ihre  Lieben  ihr
ganzes  Leben  vermißt  hat,  so  hat  sie  doch  den  Wut  und  die  Kraft
zum  Weiterleben  nicht  verloren.  Uuf  dringenden  Wunsch  der
hannoverschen  verwandten  wurde  eine  längere  Keife  dorthin  unternommen, ­
  die  erste  Keife,  die  ich  machen  durfte.  Die  Lahrt  ging
damals  zunächst  nach  Oldenburg,  dann  zu  Lchiff  nach  Brake,  von
da  aus  nach  Bremen,  wo  ich  die  erste  Lifenbahn  erblickte,  die  auf
mich  einen  sehr  unheimlichen  kindruck  machte.  Jene  Keife  hat
meine  Mutter  sehr  erquickt,  und  die  herzliche  gesinnung  von
freunden  und  verwandten  hat  ihr  wohlgetan.  Dabei  hatte  sie
ein  sie  aufrichtendes  Lrlebnis,  das  freilich  mehr  sie  als  mich  berührte.
Wir  trafen  in  der  Post  von  gifhorn  nach  kelle  mit  einem  würdigen
Kabbiner  zusammen,  der  sich  mit  meiner  Mutter  unterhielt;  dann
ergriff  er  mich,  legte  seine  Hand  auf  meinen  Kopf  und  segnete  mich.
Lr  sagte:  „Lr  wird  durch  ferne  Länder  gehen,  und  er  wird  großes
im  Dienste  gottes  leisten",  llufmeine  tiefgebeugte  Mutter  hat  dieses
Lreignis  einen  dauernden  Lindruck  gemacht.  —  In  Vurich  zogen  wir
in  ein  bescheidenes,  aber  mit  einem  hübschen  garten  versehenes
Haus.  Meine  großmutter  hatte  sich  dieses  als  ihren  Witwensikz
gekauft.  Ls  lag  außerhalb  der  eigentlichen  Ltadt  auf  dem  sogenannten ­
  Zingel;  der  ötadtgraben  trennte  diesen  Zingel  von  der
eigentlichen  Ltadt,  unmittelbar  in  der  Nähe  war  eine  stattliche  Mühle,
die  uns  Wind  und  Wetter  gewissenhaft  verkündete.  Line  Hauptfreude ­
  war  für  mich  der  garten,  der  unmittelbar  an  eine  große
Wiese  grenzte.  Der  garten  war  an  erster  Ltelle  ein  Nutzgarten
er  versorgte  uns  mit  Kartoffeln,  Bohnen  usw.,  aber  er  enthielkauch.
eine  Ünzahl  von  Beerensträuchern  und  Obstbäumen.  Ich  selbst
hatte  mir  bald  gewisse  Lieblingsplätze  erkoren,  sei  es  in  einer
Laube,  sei  es  auf  einem  schräg  liegenden  Obstbaum,  vor  dem
Hause  war  ein  kleiner  Vorgarten  mit  Pappeln,  und  nach  der
Llußenscite  war  Wein  gepflanzt,  der  meist  eine  schöne  Lrnte  brachte.
DieNatur  vonLlurich  ist  sehr  günstig  für  die  aufwachsendeIugend.
Die  Ltadt  liegt  auf  einem  breiten  Landstreifen,  der  sich  durch  das
            
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