Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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Wir dürfen uns daher nicht wundern, dass nirgend eine 
Spur von dem Gedanken anzutreffen ist, dass neben dem Ein-, 
schnürungssystem auch noch ein Ausdehnungssystom denkbar 
sei, welches, anstatt umzukehren und den Trieb der Bevölke 
rungsvermehrung niederzudrücken, vorwärts geht, um die 
nöthigen Einrichtungen zu treffen, unter denen die etwa unter 
den bestehenden Verhältnissen beeinträchtigte Existenzm<)g- 
lichkeit erweitert werde. Mal thus stellte zunächst eine theore 
tische Hypothese auf, die er durch nichts als ihre eignen Wieder 
holungen und Ausmalungen unterstützte. Hierauf zog er aus 
derselben nur die eine der beiden möglichen Eolgerungon. Er 
entwickelte, wenn der Ausdruck nicht etwa schon zu hoch 
gegriffen ist, ein Ilcpressionssystem und vergase, dass aus 
seiner voreiligen Voraussetzung praktisch grade das Gegcntheil 
von dem, was er beabsichtigte, entnommen werden könnte. 
Diese Zweischneidigkeit der in der Hauptvorstellung falschen 
Hypothese hat sich später • in vielen socialen Auffassungen 
gezeigt. 
Die eben vorübergehend zugelassene Annahme, dass die 
Idee von der naturgesetzlichen Tendenz zu einer stets unver- 
hältnissmässigcn Bevölkerungsvermehrung gültig sei, ist selbst 
mit einer andern Vorstellung zu vertauschen, nämlich mit dem 
Capacitätsgesetz der Bevölkerung, welches jedoch erst bei der 
Behandlung Lists zu erwähnen sein wird. Malthus hat einer 
seits ein naheliegendes Vorurtheil, welches dem gewöhnlichen 
Menschen Angesichts gesellschaftlicher Stauungsverhältnisse 
nicht fremd bleibt, in das Gewand einer Art von Theorie ge 
hüllt, und hieran ein Recept geknüpft, für dessen Urheberschaft 
ihm die Ehre nicht verkümmert werden soll. Will nun aber 
Jemand dennoch die Vorstellungen über den Gang der Bevöl 
kerung im Malthusschen Sinn auch nur einen Augenblick als 
ein wirkliches Gesetz versuchsweise gelten lassen, so möge er 
wenigstens soviel Unterscheidungsvermögen hethätigen, alsnöthig 
ist, um eine theoretische Idee von der mit ihr nicht wesent 
lich zu verbindenden Gesinnung getrennt zu halten. Die An 
nahme eines sogenannten Malthusschen Bevölkerungsgesetzes 
würde noch keineswegs eine Gutheissung der Malthusschen Ge 
sinnung einzuschliessen brauchen, obwohl thatsächlich die An 
hänger des einen auch meist die Vertreter der andern gewesen 
sind. Wenigstens ist Letzteres insoweit der Fall, als die Kreise
	        
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