Full text : Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

190

Wir  dürfen  uns  daher  nicht  wundern,  dass  nirgend  eine
Spur  von  dem  Gedanken  anzutreffen  ist,  dass  neben  dem  Ein-,
schnürungssystem  auch  noch  ein  Ausdehnungssystom  denkbar
sei,  welches,  anstatt  umzukehren  und  den  Trieb  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  niederzudrücken,  vorwärts  geht,  um  die
nöthigen  Einrichtungen  zu  treffen,  unter  denen  die  etwa  unter
den  bestehenden  Verhältnissen  beeinträchtigte  Existenzm<)glichkeit
  erweitert  werde.  Mal  thus  stellte  zunächst  eine  theoretische ­
  Hypothese  auf,  die  er  durch  nichts  als  ihre  eignen  Wiederholungen ­
  und  Ausmalungen  unterstützte.  Hierauf  zog  er  aus
derselben  nur  die  eine  der  beiden  möglichen  Eolgerungon.  Er
entwickelte,  wenn  der  Ausdruck  nicht  etwa  schon  zu  hoch
gegriffen  ist,  ein  Ilcpressionssystem  und  vergase,  dass  aus
seiner  voreiligen  Voraussetzung  praktisch  grade  das  Gegcntheil
von  dem,  was  er  beabsichtigte,  entnommen  werden  könnte.
Diese  Zweischneidigkeit  der  in  der  Hauptvorstellung  falschen
Hypothese  hat  sich  später  •  in  vielen  socialen  Auffassungen
gezeigt.
Die  eben  vorübergehend  zugelassene  Annahme,  dass  die
Idee  von  der  naturgesetzlichen  Tendenz  zu  einer  stets  unverhältnissmässigcn
  Bevölkerungsvermehrung  gültig  sei,  ist  selbst
mit  einer  andern  Vorstellung  zu  vertauschen,  nämlich  mit  dem
Capacitätsgesetz  der  Bevölkerung,  welches  jedoch  erst  bei  der
Behandlung  Lists  zu  erwähnen  sein  wird.  Malthus  hat  einerseits ­
  ein  naheliegendes  Vorurtheil,  welches  dem  gewöhnlichen
Menschen  Angesichts  gesellschaftlicher  Stauungsverhältnisse
nicht  fremd  bleibt,  in  das  Gewand  einer  Art  von  Theorie  gehüllt, ­
  und  hieran  ein  Recept  geknüpft,  für  dessen  Urheberschaft
ihm  die  Ehre  nicht  verkümmert  werden  soll.  Will  nun  aber
Jemand  dennoch  die  Vorstellungen  über  den  Gang  der  Bevölkerung ­
  im  Malthusschen  Sinn  auch  nur  einen  Augenblick  als
ein  wirkliches  Gesetz  versuchsweise  gelten  lassen,  so  möge  er
wenigstens  soviel  Unterscheidungsvermögen  hethätigen,  alsnöthig
ist,  um  eine  theoretische  Idee  von  der  mit  ihr  nicht  wesentlich ­
  zu  verbindenden  Gesinnung  getrennt  zu  halten.  Die  Annahme ­
  eines  sogenannten  Malthusschen  Bevölkerungsgesetzes
würde  noch  keineswegs  eine  Gutheissung  der  Malthusschen  Gesinnung ­
  einzuschliessen  brauchen,  obwohl  thatsächlich  die  Anhänger ­
  des  einen  auch  meist  die  Vertreter  der  andern  gewesen
sind.  Wenigstens  ist  Letzteres  insoweit  der  Fall,  als  die  Kreise
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.