Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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jungen Gebilden der neuen Welt studiren. Letzteres geschieht 
und geschah bereits praktisch oder instinctiv von allen un 
mittelbar Betheiligten, und in dieser Beziehung ist dort die 
wirthschaftliche Volksbildung weiter verbreitet und eingehender 
als in den civilisirtesten Staaten Europas, Fragt man dagegen 
nach dem theoretischen Bewusstsein über die höheren Fragen 
und nach alledem, was das nächstliegende Interesse des 
Geschäftsmannes überragt, so ist in den einflussreichsten 
Classen die ökonomische Bildung vorhältnissmässig ungrüiid- 
lich und in ihrer Art weit weniger befriedigend, als inner 
halb der entsprechenden, aber weit geschulteren Kreise 
Europas, Man kann diese Sachlage auch in der Haltung der 
Zeitungen aller politischen und ökonomischen Parteien und in 
der dort herrschenden Erörterungsart bestätigt finden. Obwohl 
Ton und Anschauungsweise durch ihre Frische mit unserer 
abstracten Art und Weise contrastiren und dies ganz besonders 
da thun, wo der Amerikanismus und nicht irgend ein Ableger 
der älteren Europäischen Schulökonomie vertreten wird, so 
zeigt sich trotzdem deutlich genug, welchen Einfluss der Mangel 
der Gewöhnung an eine schärfere Dialektik ausübt. Man 
gieift in das volle Leben, fördert die Anschauungen und Be- 
stiebungen zu Tage, die sich an die natürlichen Wirthschafts- 
positionen knüpfen. Man versteht sich vortrefflich auf die 
Gruppirung der wirthschaftlichen Parteien und ist in dieser 
Beziehung sogar den Engländern, Franzosen und Deutschen 
gegenwärtig überlegen. Allein man kennt dies Alles nur un 
mittelbar und aus der Praxis; man lernt im Kampfe den Gegner 
messen und die Situationen bestimmen; man erhebt sich aber 
im Allgemeinen nicht zu jener höheren Auffassung, in welcher 
die wissenschaftlich unparteiischen Gesichtspunkte als solche 
zur Geltung kommen. Es soll hiemit nicht gesagt sein, dass 
die Interessen auf der andern Seite des Oceans die unbefangene 
Denkweise mehr verunstalteten als bei uns. Im Gegentheil 
bringt dort der freie Ausdruck des Gegensatzes in die Einseitig 
keit ein mässigendes Element, nach welchem wir uns in den 
weniger freien Zuständen Europas vergebens um sehen. Was 
jedoch dessenungeachtet den vorherrschenden Charakter der 
transatlantischen Bildung im Sinne der Unzulänglichkeit be 
stimmt, kann nirgend anders als in der bis jetzt noch nicht über 
wundenen Gewohnheit gesucht werden, vermöge deren fort-
	        
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