fullscreen: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Conkunst. 
„Lohengrin“. „Tannhäuser“ ist im Frühjahr 1845 vollendet 
worden, im Herbst dieses Jahres fand die erste Aufführung statt. 
„Lohengrin“ wurde im Sommer 1847 fertig; Wagner hat das 
Werk persönlich erst 18641 in Wien aufgeführt gesehen. Beide 
Schöpfungen näherten sich aufs engste dem Ideale des Musik— 
dramas, das Wagner damals in seiner Seele trug. Innigste Ver— 
knüpfung dichterischen und musikalischen Empfängnisses, feinste 
Abschattierung menschlicher Empfindungen, namentlich nach der 
dunkleren, unbekannteren, nervösen, zunächst nur musikalisch 
reizbaren Seite hin durch Anwendung der Mittel einer bis 
dahin unerhörten Feinheit musikalischer Nüancierung, Aus— 
dehnung des Atems der Dichtung, ihrer Brust gleichsam und 
ihrer Lunge zu ungeahnter Fülle der Gefühle durch engstes 
Zusammenschmieden dichterischen und musikalischen Ausdrucks: 
das war es, was der Meister beabsichtigte. Und er erreichte 
es. Aus der Beschäftigung mit dem Ganzen des Stoffes von 
alsbald sowohl dichterischer wie musikalischer Absicht her, aus dem 
organischen Wachsen der einzelnen Scenen unter dieser doppelten 
Schaffensweise erhob sich in der Phantasie Wagners ein Ge— 
samtbild, das ohne weiteres die thematischen Strahlen der Ge— 
samtmusik wie den eigenartigen Rhythmus der Dichtung dar⸗ 
bot: und wie aus dem Rhythmus die textliche Form, so wurde 
aus den Themen, die sich zu Leitmotiven verdichteten, das un— 
unterbrochene Gewebe einer symphonischen Musik geschafsen. 
Diese symphonische Musik aber, welche all die architekto— 
nisch-musikalischen Einzelbauten der alten Oper, die Ritornelle, 
Kavatinen, Terzette, über den Haufen warf, gab nun zugleich 
den Stoffen ihre erhabene Einheitlichkeit und ihren gemein— 
menschlichen Zug. Denn der Text — und damit der Inhalt — 
war auch im einzelnen mit durch die Musik bestimmt; die 
Musik aber ist nur der Wiedergabe menschlicher Gemeingefühle, 
dieser freilich auch in höchsten Grade fähig. Ein unendlicher 
Gewinn für die Klassizität eines Werkes, — wenn anders wir 
Dichtungsinhalte klassisch nennen, deren Charakter Züge auf— 
weist, die zu allen Zeiten und Herzen sprechen. Wo aber 
bieten sich solche Inhalte dar? Lassen sie sich vom Einzelnen
	        
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