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zahlen. Es geschieht auf diese Weise kein Unrecht, indem
sich in diesem natürlichen Falle Leistung und Gegenleistung
ebenso mutualistisch gestalten, als wenn beide Theilo unmittel
bar getauscht und hiedurch scheinbar den Zins ausser Berück
sichtigung gelassen hätten. In Wahrheit wäre er dennoch,
aber freilich nur unter der Verhüllung der Compensation, vor
handen gewesen. Die Deductionen, die Proudhon 1848 in seinem
eignen Volksblatt gegen den Zins versuchte, und in denen er
Bastiat unmittelbar zum Gegner hatte, fielen sehr schwach aus.
Will man Proudhon angemessen beurtheilen, so darf man
nicht nach seinen Positivitäten fragen, sondern muss in ihm
stets nur denjenigen suchen, der vor allen Dingen widersprechen
und Allem und Jedem in der Welt eine sogenannte dialektische
Opposition machen wollte. Die Wahl zwischen zwei Möglich
keiten genügte ihm nicht; er musste stets noch ein Drittes
haben, wodurch er sich über irgend einen Gegensatz persön
lich hinausbeförderte. Er gab sich also den Anschein, neben
der Oekonomie auch den Socialismus zu bekämpfen, obwohl
er selbst nichts weiter als einen gänzlich vom Wege der natür
lichen Logik abgekommenen Inbegriff durcheinanderfahrender
Beflexe der socialistischen Ideenströmung vertrat. Er mischte
Alles durcheinander, so dass er selbst nicht wusste, was er
wollte. Seine Fähigkeit, den Kennzeichnungen der Corruption
etwas Farbe zu gehen und ein wenig Leidenschaft, nicht ohne
Beimischung von einigem Gerechtigkeitsgefühl, in einer allen
falls volksmässig zu nennenden Richtung aufzutragen, ist der
Hauptgrund seiner Wirksamkeit auf das Publicum gewesen.
Diejenigen Schriften, in denen er sich später vornehmlich
moralistisch und halb geschichtsphilosophisch erging, und in
denen die eigentliche Oekonomie nur einen Nebenbestandtheil
bildete, sind die verhältnissmässig lesbarsten. Hieher gehört
namentlich das dreibändige Werk „Von der Gerechtigkeit in
der Revolution und in der Kirche” (De la justice dans la révo
lution et dans l’église, 1858). Diese moralphilosophische Arbeit
beschäftigt sich, obwohl gegnerisch, doch für den Deutschen
Geschmack viel zu intim mit der Kirche. Die Widmung an
einen Bischof hat, wie alle Proudhonschen Manieren, den Cha
rakter des Gesuchten. Sie ist ähnlich zu beurtheilen, wie die
Thatsache, dass Proudhon auch Napoleon III, gleichviel in
welchem Sinne, etwas zu dediciren vermochte und sich üher-
Dtthring, Geschichte der Nationalökonomie. 2. Auflage. 31