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er aber Jeden auf, der ihm über den Weg lief, als wenn es
sich um eine geschichtlich bedeutsame Erscheinung handelte.
Aus blossen Figuranten einer ganz gleichgültigen Phase des
volksvertreterischen Daseins schnitzte er sich eine Gegnerschaft,
die nach etwas aussehen sollte, damit seine Einlassung mit
solcher Misere einen grossen Anstrich erhielte. Eine derartige
Wichtigthuerei mit dem für die wirkliche Geschichte und eine
Agitation im grossen Stile gleichgültigsten Kleinkram ist ein
Grundzug der Lassalleschen Manier gewesen und hat sich bei
ihm weder im Wissen noch im Wollen irgendwo verleugnet.
Der philosophirerische Hintergrund darf hier nicht täuschen. Für
den unbefangenen Bourtheiler wird er vielmehr die fragliche
Thatsache noch deutlicher machen, indem sich diesen riosen-
mässigen Prätensionen universeller Auffassung gegenüber das
wirkliche Verfallen in die Zwergpolcmik der niedrigsten Art
nur um so entschiedener markirt.
Von einem Tragödionversuch, dessen Lassallo noch 1859
fähig gewesen ist, sowie von seiner Polemik gegen einen Dar
steller der neusten Deutschen Literaturgeschichte habe ich hier
nicht besonders zu reden. Nur sei summarisch bemerkt, dass
sich das Herausgeben von Schriften aller Art in das letzte
halbe Dutzend Lebensjahre zusammen gedrängt hat. Mit der
Unreife des Alters kann daher keine einzige Eigenschaft und
kein Bcstandthcil dieser Veröffentlichungen entschuldigt werden.
Wer im 83. Jahre noch gewisser Dinge fähig ist, zeigt hiemit,
dass sein ganzes Wesen die entsprechende Richtung habe und
die Elemente derselben beibehaltcn werde. Die Mischung der
Ideologie mit sehr ausgeprägten Gewöhnlichkeiten und mit
Zügen einer unedlen Denkweise ist hier die am meisten kenn
zeichnende Qualität. Doch wir wollen lieber gleich nach den
Thatsaclicn und dem Ende fragen, welches für manchen Beur-
theilcr deutlicher spricht, als die übrigens auch untrügliche
Physionomie der Schriften. Lassallo hatte einen „Allgemeinen
Deutschen Arbeiterverein” 1863 in Gang gebracht. Im folgenden
Jahr, dem vierzigsten seines Lebens, betrieb er eine Iloiraths-
angelogenheit mit einem reichen Fräulein, der Tochter eines
Bairischen Beamten vom auswärtigen Departement. Dieses Ge
schäft, welches er in der Schweiz und namentlich in Genf ver
folgte, verwickelte ihn zunächst in einen Conflict mit der Fa
milie, und da er der Dame gegenüber, die ihn im entscheidenden