Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistesleben im späteren Mittelalter. 263 
wahren sollten vor Feuer, Wasser oder Feinden? Oder hast 
du dich besprechen lassen mit Zauberworten oder mit anderem 
Dinge, das die Macht von seiner natürlichen Kraft nicht hatte? 
Hast du geglaubt an die guten Hulden, oder daß die Nachtmar 
ritte, oder daß du auf einer Ofengabel auf den Blocksberg 
rittest? 
Es sind die dunkeln Regionen halb unterdrückter Glaubens— 
systeme; von ihnen unterstützt sollte mit Beginn der Neuzeit 
der Hexenwahn furchtbare Rache nehmen für die säkulare Ver— 
nachlässigung christlicher Mission in den tieferen Schichten des 
Volkes. 
Was aber auf dem platten Lande die Kirche zu thun ver⸗ 
säumt hatte, das ergab sich in den Städten von selbst: hier 
traten auch die untersten Kreise der Nation dem Christentum 
wenigstens äußerlich, gleichsam räumlich, durch enges Zu— 
sammensein mit großen kirchlichen Instituten, nahe. Und so 
wiederholten sich in dieser Tiefe die Erscheinungen, mit denen 
einst die Höhen der Nation das Christentum begrüßt hatten!. 
Im vollen Gegensatz zwischen gutem und bösem Prinzip, 
zwischen Gott und Teufel ging hier die christliche Hauptlehre auf, 
und die Furcht vor dem Jenseits, den Strafen des Fegefeuers, 
dem jüngsten Gericht beherrschte die Gewissen nicht minder, wie 
den Verstand der animistische Glaube an dunkle Naturkräfte 
und an die Notwendigkeiten des Wunders. In diesem Zwist 
flüchtete man zu den lieben Heiligen mehr, denn zu Gott; sie 
schienen die geborenen Mittler, namentlich Maria trat in den 
Vordergrund, und höchstens die Frauen trieb ein sinnlicher Zug 
der Verehrung zu Christus. 
Indem aber so die untersten Kreise der Nation wenigstens 
teilweise fast zum erstenmal von den unmittelbaren, wenn 
auch ins Trübste gebrochenen Strahlen christlicher Welt— 
anschauung getroffen wurden, bemächtigte sich ihrer eine eigen— 
artige religiöse Unruhe. Ein herzpackender Gedanke wird um 
Bal. Band I8 S. 348 ff. (u S. 344 ff.; Is S. 344 ff.)
	        
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