Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

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und für immer cornpromittirt und des Heiligenscheins entkleidet 
zu werden, mit dem es theils durch eine romantische Theorie, 
theils durch die zeitweilige Dienstbarkeit an wirklich nationale 
Interessen zuerst in Deutschland und später für Nordamerika 
umgeben worden war. In letzterem Lande hatte nicht nur der 
berechtigte wirthschaftliche Kampf gegen die Brittischo Macht, 
sondern auch der Gegensatz des mehr manufacturistischen 
Nordens gegen die Sklavenfeudalität der freihändlerischon und 
von den ausbeutenden Classen Englands patronisirten südlichen 
Baumwollenjunker dem Protectivsystern politische Anknüpfungs 
punkte verschafft. In Deutschland war es aber die nationale 
Consolidation gewesen, die Anfangs einige Lebensfrischo in den 
protectionistischen Widerstand gegen Brittische und andere 
Gefährdungen gebracht hatte. Seit den neusten Wendungen 
der socialen Verhältnisse kann auf Europäischem Boden, etwa 
mit Ausnahme Russlands, wo die Ideen und Thatsachen noch 
sehr rückständig sind, der Antagonismus von Schutzzoll und 
Freihandel nur noch die Bedeutung eines untergeordneten und 
überlebten Gegensatzes beanspruchen. An allgemeine Inte 
ressenwahrnehmung glaubt bei diesem Gegensatz Niemand mehr, 
der die alten Parteien etwas intimer kennen gelernt hat. Beute 
machen wollen sie beide auf Kosten der grossen Volksmasse; die 
eine Partei will es im Wege des künstlichen Cla^senmonopols, 
die andere im Wege des losgebundenen Freibeuterthums. Die 
Freihändler oder Freibeuter, wie ich sie schon 1866 in meiner 
„Kritischen Grundlegung” genannt habe, machen mit jeder Auf 
hebung von Schutzzöllen ein gutes Geschäft, indem diese Auf 
hebung zunächst ihre Taschen füllt und für die Volksmasse 
vorläufig gar nichts einträgt. Es geht mit diesen Maassregeln 
wie mit der Aufhebung solcher indirecter Steuern rein finan 
zieller Art, deren Beseitigung zunächst nur den Händlern oder 
Producenten zu statten kommt, wie z. B. die Entfernung der 
Preussischen in der Form der Mahl- und Schlachtsteuer er 
hobenen Staats- und Gemeindeauflagen auf Mehl und Fleisch. 
Auch sonst hat das Freihändlerthum das geringe Maass 
guten Rufs und verhältnissmässigen Werths, welches ihm der 
theilweise Anschluss an die parteilose Wissenschaft Adam 
Smiths und an deren auch politisch freiheitliche Denkweise 
verschafft hatte, bereits eingebüsst. Es hat sich namentlich auf 
Deutschem Boden mit den Feudalen, also in einer gleichsam
	        
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