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gestammter Schwächliohkoit und Staatsiintertbänigkeit aber
von den Geistlichen der abgefallenen und säcularisirten Con-
fessionen* und zwar in Norddeutscbland von den sogenannten
evangelischen Pietisten geschieht, — da ist die Falschheit des
Standpunkts unverkennbar und eine neue Spielart des allge
meinen, allen Priestergattungen eigenthümlichen Jesuitismus
leicht zu constatiren. Die sinkende Macht der Religionsorga
nisationen klammert sich an die sociale Frage, um die Volks
massen, soweit dieselben noch den Priestern folgen, mit dem
Schein eines wohlwollenden Eintretens zu ködern. In Wahr
heit ist ihre natürliche Stellung aber auf Seite der Privilcgir-
ten, zu denen sie selbst mit ihren Pfründen- und Sportel
interessen augenscheinlich gehören. Ihre socialen Programme
sind die ärmlichsten von allen ; denn, genauer besehen, erheben
sie sich niemals über die pharisäische Empfehlung einiger
Milderungen der Fabriksklaverei und hüten sich, die Preise
der priesterlichen Manipulationen und den wirthschaftlichen
Druck zu erörtern, welcher in der Gestalt der von den Geist
lichen erhobenen Tauf-, Trau-, Grab- und Messensteuern auf
den Volksmassen lastet. Ihre eigne kostbare Existenz, die doch
ihre einzige sociale Frage bildet, an die sich glauben lässt,
wird gar nicht erwähnt, lauert aber dafür im Hinterhalte, um
sich alle in der Politik möglichen Schleich Wendungen dienstbar
zu machen. Der wahre Charakter dieser Gattung wird aber
mit seiner ganzen traditionellen Mitgift auch unter der sorg
samsten Verkleidung sichtbar, sobald er sich den Mächten und
Gruppen gegenübersieht, welche die Triebkräfte des modernen
Lebens bisher vertreten haben. So ist ihm die neuere Tech
nik sanimt der zugehörigen industriösen Unabhängigkeit und
Aufklärung ein Dorn in dem nach der mittelalterlichen Ohn
macht und Unwissenheit schielenden Auge, und die Denkweise
eines Adam Smith gilt diesen Monopolisten magisch spiritisti
scher Hantirungen natürlich als eine verworfene Auflehnung
des ökonomischen Verstandes gegen die heiligen Zwangs- und
Bannrechte des geistlichen Gewerbes.
Bei vereinzelten Secten erscheint ein religiöser Soeialis-
mus gelegentlich in aufrichtigen Zwergversuchen; aber diese
kaum zurechnungsfähigen und oft völlig närrischen Gebilde
bestätigen nur den Satz, dass die religiöse Verworrenheit kei
nen Ersatz für fest geordnete und klar durchsichtige Rechts-