'— 68
dieselbe hinarbeitete, als Fortschritt zu betrachten. Nun ver
kannte aber Locke den bessern Bestandthcil der gegnerischen
Anführung bis zu dem Punkte, dass er sich sogar zu einer
höchst zuversichtlichen und verächtlichen Ausdrucks weise be
wogen fand. Hiebei tritt es in seinem Gedanken mit mehr als
hinreichender Deutlichkeit hervor, dass er in der gröbsten Weise
dem Leitfaden der edlen Metalle folgt und sich gar nicht vor
zustellen vermag, wie zwischenWerthsummo und Geld cinUntcr-
schied bestehen könne. Seine Idee von der Bilanz ist nämlich
die ganz gewöhnlich mercantilistische, derzufolgo zwischen den
Ländern alle Ausgleichungen des Werthuntersehiedos zwischen
Einfuhr und Ausfuhr unbedingt und ausschliesslich in edlen
Metallen erfolgen müssen. Wie er sich aber auch den lleich-
thum noch ernstlich mercantilistisch vorstellt, zeigt folgender
Satz derselben Abhandlung (S. 13); „Reichthümer bestehen
nicht darin, mehr Gold und Silber zu haben, sondern darin,
davon im Verhältniss zu der übrigen Welt oder unsern Nach
barn mehr zu haben.” Die Aufspeicherung der edlen Metalle
soll, wie der weitere Zusammenhang noch ausdrücklich bestätigt,
ein Volk in den Stand setzen, sein Hebergewicht über die an
dern weniger versehenen Nationen geltend zu machen und sich
ein grösseres Maass von Bequemlichkeiten zu verschaffen. Heber
haupt kennt Locke nur zwei Wege der Bereicherung ver
mittelst der edlen Metalle, nämlich Eroberung und Tribut einer
seits und Handel andererseits. Indem er den ersteren von
seinem philosophischen Standpunkt aus verwirft, bleibt ihm nur
eine ziemlich grobe Gestalt der mercantilistischen Anschauungs
weise übrig. Der wörtliche Ausdruck jenes Gedankens (auf
der zuletzt angeführten Seite) ist entscheidend : „In einem
Lande ohne Bergwerke giebt es zum Rciehthum nur zwei Wege,
Eroberung oder Handel”. Wer hienach noch daran zweifeln
sollte, dass Lockes wirthschaftlicho Erörterungen in den maass
gebenden Hauptpunkten den vorwiegenden Meinungen folgten
und in dieser Beziehung keine Originalität in Anspruch zu
nehmen haben, wird wohlthun, sich mit dem Wesen des Mor-
cantilismus strenger vertraut zu machen und dann zu unter
scheiden, wo die gröberen und die feineren Artungen dieses
Vorstellungskreises zu suchen sind. Unseres Erachtens hat
zwar Locke den Vortheil einer ziemlich klaren Ausdrucksweiso
und eines meist gesunden Verständnisses der Verhältnisse für