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g-uillcberts ist nämlich die, dass, wenn Alle hillig und gerecht
mit einander verkehren, also den wahren Wcrtli geben, dann
die sämmtlichen Berufszweige einander fördern, im umgekehrten
Falle aber schaden. Hiebei hat er %ie Rücksicht auf Andere
als moralisch wirksames Princip im Sinne, und seine Erörte
rung weist deutlich genug auf einen Religionsantrieb zurück.
Sieht man nun aber auch ganz von der Beschaffenheit solcher
Grundlagen ab und betrachtet nur die Voraussetzung eines
billigen und gerechten Verkehrs an sich selbst, so steht sie
zunächst als eine blosse Erdichtung da. Auch fühlte dies unser
Autor selbst; denn er ermangelte nicht, eine Schilderung der
wirklichen Gestaltung der Verhältnisse hinzuzufügen. That-
sächlich seien die Menschen vom Morgen bis zum Abend be
müht, einander zu chicaniren und zu betrügen; es sei aus die
sem Grunde überall Polizei nöthig und man beklage sich über
deren regelnde Thätigkeit auch oft mit Unrecht. Besonders
lehrreich ist aber für Boisguilleberts Auffassungsart eine Stelle
im Cap. 4 des „Factum”. Es werde, sagt er, die Gerechtigkeit
in dem Verkehr nur mit der Degenspitze aufrecht erhalten.
Wie die Natur den schwachen Tiñeren Zufluchtsörter und Mittel
gegeben habe, um nicht sämmtlich die Beute der starken, ge-
wissermaassen bewaffnet gebornen und vom Raube existirenden
zu werden, so habe sie auch in den Verkehr des Lebens solche
Ordnung gebracht, dass, wenn man sie nur walten lasse, der
Mächtige im Kauf der Waare eines Armen keine Macht habe,
zu verhindern, dass dem letzteren dieser Verkauf den Unter
halt verschaffe.
Diese Worte sollten überall da als Aufschrift oder Inschrift
stehen, wo man sich versucht findet, einem Boisguillebert die
bedenkliche Ehre anzudichten, die Theorie des laisser aller und
die entsprechende Interessenharmonie zuerst wirthschaftlich
formulirt zu haben. Wenn irgendwo ein Gedanke in zwei ein
ander widersprechenden Hälften zur Welt kam, so ist dies in
den angeführten Sätzen geschehen. Auch dürfte es kaum je
mals ein Gleichniss gegeben haben, welches sich so unglücklich
gegen sich selbst gekehrt hätte, als dasjenige der boigebrachten
Stelle. Die Schranken, welche die Natur dem Raubthier da
durch setzt, dass seine Beute ihm vielfach entgehen und die
bedrohte Species durch Fortpflanzung erhalten kann, wird mit
denjenigen Hindernissen verglichen, welche der mächtige Er-